Ein Test, sie alle zu prüfen?

Hollywood ist männlich geprägt. Und damit meine ich nicht nur, dass der Anteil männlicher Charaktere pro Film in den meisten Filmen höher ist, als der weiblicher Charaktere („Oceans 8“ und „Ghostbusters“ einmal ausgenommen).
Die Schauspielerin und Filmproduzentin Geena Davis, die einigen vielleicht noch als Thelma aus „Thelma & Louise“ bekannt ist, hat 2006 das „Geena Davis Institute on Gender in Media“ gegründet, das sich für Gleichberechtigung der Geschlechter in den Medien und Medienberufen einsetzt. Zusammen mit Google hat man an ihrem Institut das Computerprogramm „Geena Davis Inclusion Quotient“ entwickelt, dass die Zeit, die die jeweiligen Schauspielenden im Bild sind und deren Dialogzeilen automatisch erfassen kann.
2016 hatte das Programm seinen ersten und für die Filmbranche ziemlich unrühmlichen Auftritt. Zum Start hatte man nämlich die 200 in den USA erfolgreichsten Filme des Jahres durch das Programm laufen lassen.

Auch, wenn es ein Klischee gibt, nach dem Frauen zu viel reden, im Film ist das definitiv quatsch. Denn da reden Männer doppelt so viel wie Frauen und sind ebenso auch doppelt so oft im Bild1.
Eine andere Studie aus dem Jahr 2017, also gut ein Jahr später, belegt allerdings, dass Filme mit weiblicher Hauptrolle erfolgreicher sind, als Filme mit männlichem Hauptcharakter. Für die Studie wurden 350 Filme untersucht, die zwischen 2014 und 2017 in die Kinos gekommen waren. 105 davon hatten eine weibliche, 245 eine männliche Hauptrolle. Zusätzlich stellte man im Rahmen der Studie fest, dass Filme, die den Bechdel-Test bestanden, ebenfalls erfolgreicher waren, als die Filme, die dabei durchfielen2.

Der Bechdel-Test oder Bechdel-Wallace-Test geht auf die amerikanische Comicautorin Alison Bechdel zurück, die ihn 1985 in einem Comicstrip zum ersten Mal erwähnte. Ob ein Film den Test besteht oder nicht, lässt sich anhand drei einfacher Fragen klären.

1. Spielen zwei Frauen mit?
2. Sprechen diese beiden Frauen miteinander?
3. Sprechen sie über etwas anderes, als über einen Mann oder Männer allgemein?

Manchmal wird auch noch gefragt, ob die beiden Frauen einen Namen haben, der im Film auch genannt wird3.

Mein Lieblingsbeispiel für den Bechdel-Test ist eine Szene aus „Thor – The Dark Kingdom“, dem zweiten Teil der Thor-Reihe.

Darcy: Jane! Wo zum Teufel warst du?
Jane: Sag nicht, du hast die Polizei gerufen?
Darcy: Was hätte ich denn sonst machen sollen?
Jane: Nicht die Polizei rufen?
Darcy: Ich habe Angst gekriegt.
Jane: Du rufst die Bullen und die das FBI und als nächstes taucht SHIELD hier auf und   macht daraus eine zweite AREA 51.
Darcy: Jane!
Jane: Wir hatten eine stabile Gravitationsanomalie mit ungehindertem Zugang. Unsere einzige Konkurrenz waren ein paar Zehnjährige.
Darcy: Jane, du warst fünf Stunden verschwunden.
Jane: Was?

Ganz abgesehen davon, dass Jane das Wort „Gravitationsanomalie“ so selbstverständlich verwendet, wie andere Menschen „Schokolade“ sagen, haben wir hier zwei Frauen, die beide einen Namen haben, sich unterhalten und dabei über etwas anderes als einen Mann reden.
Weil der Bechdel-Test aber so einfach ist, ist es auch einfach zu schummeln, was die Methode etwas in die Kritik hat geraten lassen. Habe ich einen Film nur mit männlichen Charakteren, kann ich willkürlich eine Szene einbauen, in der sich zwei Frauen, die sonst nichts mit der Handlung zu tun haben, unterhalten – zack, Bechdel-Test bestanden.

Der Mako-Mori-Test dagegen ist etwas komplexer. Namensgeberin ist die Figur Mako Mori aus dem Film „Pacific Rim“. „Pacific Rim“ fällt beim Bechdel-Test durch, was in den sozialen Medien auf Kritik gestoßen war. Tumblr-Nutzerin Chaila schlug deswegen den Mako-Mori-Test vor, der danach fragt ob ein Film

1. wenigstens eine weibliche Figur vorweisen kann
2. die ihren eigenen Handlungsbogen hat
3. in dem es nicht darum geht, den Handlungsbogen einer männlichen Figur zu unterstützen4.

In ihrem Post merkte Chaila selbst an, dass der Film den Bechdel-Test zwar nicht im Bezug auf Frauen bestehe, dafür aber im Bezug auf ethnische Diversität. Zwei Personen, die nicht weiß sind, unterhalten sich über etwas anderes als über einen weißen Charakter.
Tatsächlich gibt es einen Bechdel-Test für die Repräsentation von Ethnien. Der von Manohla Dargis nach der Filmregisseurin Ava DuVernay benannte DuVernay-Test fragt danach, ob eine afroamerikanische oder einer Minderheit angehörige Filmfigur, ein vollständig ausgearbeitetes Leben mit eigenen Handlungsmotiven hat und nicht nur als Nebenfigur agiert, die die Handlung eines weißen Charakters unterstützt5.

Der Bechdel-Test ist heute nicht mehr ausreichend. Für die Repräsentation von Frauen bietet der Test nach wie vor einen Richtwert, allerdings gibt es mittlerweile verschiedene andere Möglichkeiten, die sich mit Frauen und Ethnien in Filmen beschäftigen. Als Alternativen für den Bechdel-Test können der Landau-Test, der Peirce-Test und der Villarreal-Test gewertet werden, denn hier geht es um die generelle Repräsentation von Frauen in Filmen.

Autorin Noga Landau fragt, in dem von ihr erdachten Landau-Test, erst gar nicht danach, was ein Film machen sollte, sondern was ein Film nicht machen sollte. Ihrer Meinung nach, fällt ein Film sofort durch, in dem eine weibliche Figur – es muss nicht die Protagonistin sein – am Ende schwanger oder tot ist oder dem männlichen Hauptcharakter den Handlungsbogen vermasselt
Beispiel: Ghostbusters

Der Horrorfilm „Carrie“ besteht den Peirce-Test. Wirklich überraschend ist das jetzt nicht, schließlich zeichnet sich die Namensgeberin des Tests, Kimberly Peirce, als Regisseurin für den Film verantwortlich. Der nach ihr beannte Test fragt nach der Tiefe eines weiblichen Charakters. Die Kriterien dafür sind:
-eine weibliche Figur (Protagonistin oder Antagonistin), die eine eigene, authentische Geschichte hat, die die Wünsche und Sehnsüchte der Figur entsprechend abbildet.
-Zusätzlich muss die Handlung in der Lage sein, Mitgefühl für die entsprechende Figur bei den Zuschauern zu erregen
Beispiel: Carrie, Findet Dorie

Der Villareal-Test ist nach der Filmproduzentin Lindsey Villarreal benannt und lässt Filme erst einmal durchfallen. Jedenfalls wenn ein weiblicher Hauptcharakter gleich in ihrer ersten Szene als sexualisiert, hartgesotten, ausdrucks- oder mitleidslos, abgespannt, überarbeitet oder als Matriarchin dargestellt wird. Trotzdem gibt der Test dem Film noch eine zweite Chance, sofern die Protagonistin
-eine Karriere hat, die ihr Autorität und Macht verleiht,
-eine Mutter ist,
-rücksichtlos ist oder falsche Entscheidungen trifft
-sexuell selbstbewusst ist bzw. ihre sexuelle Identität selbst wählt
Beispiel: Bad Moms

Will man zusätzlich herausfinden, ob der Film auch Frauen verschiedener Ethnien berücksichtigt, dann liefern der Ko-Test, der Villalobos-Test und der Waithe-Test Antworten.

In der amerikanischen Serie „Dear White People“ spielt Naomi Ko die Studentin Sungmi, die sich dafür einsetzt, dass eine „Dear Black People“-Party so nicht stattfinden darf. Abseits der Kamera fragt die Schauspielerin im Ko-Test danach, ob in einem Film
-eine nicht-weiße, weibliche Figur auftaucht,
-die fünf oder mehr Sätze zu sagen hat und
-Englisch (bzw. die Sprache, in der der Film im Original erschienen ist) spricht.
Beispiel: Vaiana – Das Paradies hat einen Haken

Der Villalobos-Test ermittelt die Repräsentation von Latina Frauen und wehrt sich gleichzeitig gegen verschiedene Stereotype. Die Produzentin und Autorin Ligiah Villalobos fragt:
Wird die Hauptrolle von einer Latina verköpert?
Ist die Protagonistin gebildet, hat bspw. ein Studium oder eine Ausbildung abgeschlossen, spricht akzentfreies Englisch und wird nicht sexualisiert?
Beispiel: Jane the Virgin

Lena Waithe, die für die Netflix-Serie „Master of None“ einen Emmy bekam, konzentriert sich auf die Repräsentation schwarzer Frauen. Da deren Charaktere oft Stereotypen reproduzieren, fragt der Waithe-Test danach
-ob eine schwarze Frau vorkommt
-ob sie sich in einer Machtposition befindet und
-ob sie eine gesunde Partnerschaft führt
Beispiel: Hidden Figures6

Den einen Test zu finden, der (Unter-)Repräsentation von Frauen und Ethnien ausreichend hinterfragt, wird wahrscheinlich eine ziemlich aussichtslose Mission. Allerdings zeigt die Verschiedenheit der Tests auch, wo Filme (und Geschichten generell) heute noch Schwächen haben, da jeder Test etwas andere Akzente setzt.


1Vgl. Krüger, Daniel 2016. Eine Studie beweist das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen in Filmen. (https://www.musikexpress.de/studie-zu-200-hollywood-filmen-maenner-duerfen-doppelt-so-viel-reden-wie-frauen-692971/) (5. Mai 2020).

2Vgl. CAA; shift7 2017. Female-led films outperform at box office for 2014-2017. (https://shift7.com/media-research) (5. Mai 2020).

3Vgl. http://bechdeltest.com/ (5. Mai 2020).

6Vgl. Hickey, Walt; Koeze, Ella; Dottle, Rachael; Wezerek, Gus 2017. The next Bechdel Test. (https://projects.fivethirtyeight.com/next-bechdel/) (5. Mai 2020).

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