Von phantastischen Welten verführt

Über Guillermo del Toros Film „Pans Labyrinth“ (2006) ist in wissenschaftlichen Artikeln schon einiges geschrieben worden. Die Bedeutung des Märchens im Film, die Märchenelemente, Krieg in der Erzählung, Weltenflucht und und und. Ich selber habe im Studium ein Seminar zum Thema Kinder und Krieg belegt in dem wir unter anderem ausführlich über „Pans Labyrinth“ gesprochen haben. Eine spannende Geschichte, die erzählerisch und motivisch auf vielen Ebenen agiert. Jetzt also als Buch, wobei es an sich wahrscheinlich nicht so häufig ist, dass die „Verschreibung“ erst mehrere Jahre nach dem Film herauskommt. Eine Verfilmung gibt es da doch deutlich öfter.


Guillermo del Toro, Cornelia Funke: Das Labyrinth des Fauns
1944 befindet sich Spanien nicht nur im Zweiten Weltkrieg, auch das Franco-Regime prägt das Land. Faschisten und Regimegegner liefern sich erbitterte Kämpfe. In dieser Zeit zieht die dreizehnjährige Ofelia mit ihrer Mutter, die nach dem Tod von Ofelias Vater erneut geheiratet hat, in eine Mühle in den Bergen. Der neue Mann ihrer Mutter, ein Hauptmann und Anhänger Francos, hat die Mühle zu seinem Hauptquartier gemacht, von dem aus er Jagd auf Rebellen macht. Ofelia verabscheut den grausamen und brutal agierenden Mann und sucht schon bald immer wieder Zuflucht in ihren Büchern und im umliegenden Wald, wo sie auf einen Faun trifft, der ihr nacheinander drei Aufgaben stellt. Kann sie diese erfolgreich lösen, ist sie die lange verschollene Prinzessin eines verborgenen Reiches. Aber bereits nach der ersten Aufgabe ist Ofelia stärker mit der phantastischen Welt, die der Faun ihr eröffnet, verbunden, als sie es sich hätte erträumen können.

„Pans Labyrinth“ ist wohl einer der bekanntesten Filme von Guillermo del Toro, Cornelia Funke eine der bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen mit einem Faible für Märchen. Und tatsächlich ist „Das Labyrinth des Fauns“ ein modernes Märchen – und eine Novelle mit Rahmen- und Binnenhandlung. Mit „Vor langer, langer Zeit“ und „Es war einmal“ fangen die beiden Handlungsstränge an, deren Zusammenhang sich erst im Laufe der Erzählung eröffnet. Aber auch die drei Aufgaben, die verschwundene Prinzessin, die Mühle im Wald und die Figur des Fauns sorgen ebenfalls für Märchenatmosphäre. Ein weiteres Element sind die Bücher, die mit den Märchen in fremde Welten entführen.

Auch, wenn Ofelia eine verschwundene Prinzessin sein soll, gibt es weder einen Prinzen, noch ein echtes Happy-End. Tatsächlich ist die Geschichte ein eher düsteres Märchen, was sich nicht nur durch die dunkle Grundstimmung und die Beschreibung der Handlungsorte niederschlägt, sondern auch in der Beschreibung rabenschwarzer menschlicher Abgründe. Auch wenn die eigentliche Gewalt nicht explizit beschrieben wird, reichen die Andeutungen vollkommen aus, um sich lebhaft ausmalen zu können, was in den entsprechenden Szenen passiert. Über allem steht aber Cornelia Funkes meisterhafte Art zu erzählen – auch wenn es diesmal auf Englisch und damit in der Sprache ihrer Wahlheimat ist. Phantastisches wie Grausamkeiten werden dadurch in ein fast schon zu elegantes Gewand gekleidet, das den Reiz der Geschichte zu großen Teilen ausmacht. Genau, wie die in der Erzählung beschriebenen Bücher führt damit auch „Das Labyrinth des Faun“ in eine fremde Welt. Inwiefern sich ein Buch, das von anderen Büchern erzählt, die die Flucht vom Alltag ermöglichen, auf eine Metaebene begibt, bleibt dann wohl der Beurteilung der Leser überlassen.

Guillermo del Toro, Cornelia Funke: Das Labyrinth des Fauns (Übersetzung von Tobias Schnettler), 2019, 320 Seiten, FISCHER Sauerländer
ISBN 978-3-7373-5666-4
20,00 Euro

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