Kenne dich selbst

Mit zweiten Bänden ist das so eine Sache. Entweder erfüllen sie die Ansprüche, die man durch den ersten Band hat oder sie bleiben meilenweit dahinter zurück. Christelle Dabos macht es ein wenig anders. Sie erzählt ihre Geschichte so konsequent weiter, als hätte sie die Handlung nur wegen der Länge aufteilen müssen. Was nach solider Fortsetzung und vielleicht ein wenig langweilig klingt, beinhaltet tatsächlich aber eine spannende Erzählung, Charakterentwicklungen der einzelnen Figuren und einen eigenen Handlungsbogen.


Christelle Dabos – Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast (Die Spiegelreisende Band 2)
Wem kann Ophelia noch vertrauen? Ihr Kennenlernen mit dem Hausgeist des Pols, Faruk, ist gründlich schief gegangen. Nicht, weil Ophelia sich tollpatschig angestellt hätte, sondern einfach, weil Faruk an Exzentrik kaum zu überbieten ist. Und so ernennt er sie – die Leserin – zur Vize-Erzählerin des Hofes. Solange sie ihn gut unterhält, sei sie sicher, wird ihr ihr gesagt. Doch als nach und nach immer mehr hochrangige Mitglieder der Himmelsburg verschwinden und Ophelia die gleichen Drohbriefe wie die Verschwundenen erhält, beginnt sie an ihrer Sicherheit zu zweifeln. Und wer ist dieser Gott, der offensichtlich verhindern will, dass Thorn und Ophelia heiraten?

Christelle Dabos knüpft mit dem zweiten Band „Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast“ genau da an, wo „Die Verlobten des Winters“ endete. Ophelia ist als Verlobte von Thorn enttarnt, allerdings heißt das noch lange nicht, dass es ab jetzt einfacher für sie wird oder, dass man sie akzeptiert. Hinzu kommt, dass Christelle Dabos ganz individuelle, teils etwas eigenwillige Charaktere geschaffen hat, die alle ihre individuelle Entwicklung innerhalb der Geschichte erfahren. Auch, wenn Ophelia als Hauptfigur im Mittelpunkt steht, heißt das noch lange nicht, dass alle anderen Figuren nur Beiwerk sind. Genauso erfährt man immer mehr über die erzählte Welt und hat stellenweise sogar das Gefühl, nah an der Wahrheit über den Gott zu sein, der in den Drohbriefen immer wieder genannt wird.

Die Entwicklung der Handlung kann man nicht anders als konsequente Fortsetzung beschreiben. Nicht nur, weil sie nahtlos anknüpft, sondern auch, weil die Autorin ihrem Erzählton und Erzählstil treu bleibt und trotz der Vielschichtigkeit jeden Erzählstrang mühelos wieder aufgreift und weiterführt. Zwischendrin tauchen immer wieder Fragmente bzw. Erinnerungen auf, die sich erst nach und nach einem Charakter zuordnen lassen. Trotz aller Konsequenz der Erzählung schafft es Christelle Dabos zum Ende hin, doch noch die eine oder andere überraschende Wendung einzubauen. Obwohl am Ende natürlich eine Auflösung steht, nimmt die Autorin die Neugier auf den folgenden Band keinesfalls vorweg, sondern baut stattdessen einen Cliffhanger ein, der die Wartezeit nun ein wenig länger erscheinen lässt.

Christelle Dabos: Die Spiegelreisende Band 2 – Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast (Übersetzung von Amelia Thoma), 2019, 613 Seiten, Insel Verlag
ISBN 978-3-458-17826-2
18,00 Euro

Das Buch wurde mir durch Vorablesen vom Insel Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!

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