In einer zerbrechlichen Welt

„In einer unterdrückten Gesellschaft ist der Aberglaube wie ein Spinnenfaden, in dem man das Stahlseil sieht, das einen rettet. Man geht dann nicht mehr zum Arzt. In einer übersättigten Gesellschaft wiederum entsteht eine Leere, man sucht das Reizvolle – und daraus machen andere ein Geschäft“, hat Rafik Schami einmal in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ gesagt, als er über sein neues Buch „Die geheime Mission des Kardinals“ gesprochen hat. Damit hat er die Kernelemente der Geschichte, die wie ein Krimi anfängt und doch keiner ist, eigentlich schon genannt.


Rafik Schami: Die geheime Mission des Kardinals
Es ist November 2010. Fünf Monate bevor der Arabische Frühling auch Syrien erreicht. Noch ist Frieden, auch wenn dieser bereits äußerst zerbrechlich ist. Wie zerbrechlich, dass zeigt die Lieferung eines Fasses mit Olivenöl. Nur, dass der Hauptinhalt dieses Fasses die Leiche des Kardinals Cornaro ist. Kommissar Barudi wird damit beauftragt diesen Fall, seinen letzten Fall, aufzuklären. Unterstützung erhält er dabei von seinem italienischen Kollegen Mancini. Während die beiden Männer der Lösung des Falles nachspüren kommen sich die beiden Polizisten auch menschlich näher und entdecken, dass sich Italiener und Syrer gar nicht so unähnlich sind. Allerdings zeigen die Ermittlungen auch, wie angespannt die politische und gesellschaftliche Situation in Syrien ist.

„Die geheime Mission des Kardinals“ beginnt mit einer Leiche und ist doch kein Krimi, Kommissar Barudi steht im Mittelpunkt der Erzählung und trotzdem wäre die Bezeichnung Detektivgeschichte ebenfalls fehl am Platz, auch mit Gesellschaftsroman wird man Rafik Schamis neuestem Werk nicht ganz gerecht. Die Geschichte vereint so viele Aspekte und Facetten, dass Genrebegriffe dafür nicht umfassend genug sind. Zum einen geht es natürlich um die Aufklärung des Mordes an Kardinal Cornaro, allerdings spielen auch hier bereits politische Motive eine Rolle, zum anderen ist Kommissar Barudi nicht nur als Ermittelnder, sondern auch als Charakter wichtig. Rafik Schamis Kommissar hat nur noch vier Monate bis zur Rente und eigentlich könnte man an dieser Stelle einen arbeitsmüden Kommissar erwarten, der die letzten Wochen einfach nur noch hinter sich bringen möchte. Nicht so Barudi. Ihm ist der Fall wichtig, wohl auch aus persönlicher Neugier. Ausgebufft ist er nach so vielen Jahren Berufserfahrung natürlich trotzdem. Aus seinen Tagebucheinträgen, die sich mit der Haupthandlung abwechseln, erfährt der Leser viel über sein Leben und seine moralischen Werte. Ebenso gibt Rafik Schami durch Barudi Einblick in die damals tief gespaltene syrische Gesellschaft, die nicht nur durch die Diktatur, sondern auch durch Religion und Aberglaube stark geprägt ist. Auch der Terrorismus wird thematisiert und dem Autor gelingt es, die Terroristen in der Geschichte als Menschen mit Idealen und Träumen darzustellen, ohne ihre Taten zu rechtfertigen oder zu legitimieren.

Die Geschichte lebt vor allem durch Rafik Schamis Erzählweise, die es bis ganz zum Schluss offenlässt, wer nun tatsächlich der Mörder des Kardinals ist. Geleitet wird man dabei von einer sympathischen und zielstrebigen Hauptfigur mit einem nahezu unerschütterlichen moralischen Kompass, der es trotz des korrupten Polizeiwesens immer irgendwie geschafft hat seinen Weg zu gehen. Nebenbei erfährt man so viel über die Ursprünge und Ursachen des Syrien-Krieges, als hätte man ein Sachbuch gelesen. Trotzdem erscheinen einem die politischen und religiösen Hintergründe nie langatmig oder langweilig und man hat zu keiner Zeit das Gefühl, dass die Fakten an der Handlung vorbei gehen. „Die geheime Mission des Kardinals“ von Rafik Schami ist eine allumfassende Geschichte, die nicht nur die Lösung eines Kriminalfalls bietet, sondern auch hilft, die Welt ein bisschen besser zu verstehen.

Rafik Schami: Die geheime Mission des Kardinals, 2019, 432 Seiten, Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-26379-6 (Hardcover)
26,00 Euro

ISBN: 978-3-446-26493-9
19,99 Euro

Das Buch wurde mir durch Vorablesen vom Hanser Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!

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