Sind Meerjungfrauen rothaarig?

Ich habe mir nach der ganzen Arielle-Debatte mal selbst ein paar Gedanken dazu gemacht, weil ich, ehrlich gesagt, ein bisschen zwiegespalten bin. Einerseits bin ich, wie viele von euch auch, mit einer rothaarigen Arielle groß geworden und natürlich hätte ich es schön gefunden, wenn auch die Arielle in der Realverfilmung rothaarig gewesen wäre. Old habits die hard. Ganz abgesehen von der Rassismusvorwürfen, gegen diejenigen, die eine rothaarige Arielle ebenso gut gefunden hätten, bin ich mir sicher, dass niemand begeistert wäre, wenn Tiana aus „Küss den Frosch“ in der Realverfilmung weiß wäre. Andererseits ist Halle Bailey eine bildhübsche und sympathisch wirkende junge Frau, die Arielle bestimmt fantastisch spielen wird. Und dann kam mir der Gedanke, dass Meerjungfrauen Fabelwesen sind, ebenso wie Einhörner, niemand sie je gesehen haben kann und wir trotzdem ein festes Bild davon haben. Ursprünglich hätte Arielle auch blond werden sollen1, nach Hans Christian Andersens dänischer Herkunft, „typisch“ skandinavisch eben. Im Märchen wird Arielles Haut- und Haarfarbe aber nie genannt, nur dass sie sie die jüngste und schönste von insgesamt sechs Schwestern ist. Eine mögliche Erklärung für Arielles rote Haare lässt sich darin finden, dass man im Mittelalter rote Haare mit Hexerei und dem Teufel in Verbindung gebracht hat. Meerjungfrauen oder Sirenen sollen, wie Odysseus auch erfahren musste, mit ihrem Gesang Seeleute in die Tiefe gelockt haben. Insofern kann man Meerjungfrauen nicht ganz absprechen, die Seeleute verzaubert zu haben. In der Sage der Undinen, auf denen Andersens Märchen beruht, können diese erst eine Seele erlangen, wenn sie einen Menschen heiraten2. Seelenlose werden gerne mit dem Teufel in Verbindung gebracht und der Kreis mit den roten Haaren schließt sich.

Das Bild von der schönen Meerjungfrau ist allerdings hinfällig, wenn man Arielle unter evolutionsbiologischen Gesichtspunkten betrachtet. Der Meeresbiologe Joseph Shaw von der Indiana University School of Public and Environmental Affairs hat zusammen mit seiner kleinen Tochter genau das getan und dabei überlegt, wie eine Meerjungfrau aussähe, die im Korallenriff, im offenen Ozean, im arktischen Meer oder in der Tiefsee leben würde3. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber gerade die Tiefsee-Arielle finde ich ziemlich gruselig.

Auch wenn man meint, ein ganz klares Bild von einem Charakter oder einer Figur zu haben, stellt sich jeder Leser einen Charakter doch ein klein bisschen anders vor. Meine Theorie ist, dass das Sehen ebenso wie die Sprache vom Umfeld beeinflusst wird. Wenn ich beispielsweise in einem englischsprachigen Umfeld bin, träume ich auch auf Englisch, bin ich in einem weißen Umfeld, sehe ich Romanfiguren automatisch und unbewusst als weiße, habe ich dunkelhäutige Menschen um mich herum, stelle ich mir die Figuren auch dunkelhäutig vor. Beweise für die Theorie habe ich leider nicht, allerdings bin ich fest davon überzeugt, dass es so viele verschiedene Vorstellungen der kleinen Meerjungfrau gibt, wie Leser der Geschichte und insofern, warum sollte Arielle nicht dunkelhäutig sein?

2 Vgl. Otto, Beate 2001. Unterwasser-Literatur: von Wasserfrauen und Wassermännern. S. 33.

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