Schöne neue Welt – 1. phantastische Lesenacht

Pan ist der griechische Gott der Hirten, Wiesen und Wälder. P.A.N. allerdings ist das Phantastik-Autoren-Netzwerk e.V.. Im Rahmen des Branchentreffens hat die 1. phantastische Lesenacht in Köln stattgefunden. Unter dem Motto „Schöne neue Welt“ haben Kai Meyer, Akram El-Bahay, Heike Knauber, Bernhard Hennen, Theresa Hannig, C.E. Bernard und Stefanie Hasse aus ihren Büchern gelesen und sich anschließend der Diskussion und den Fragen des Publikums gestellt.


Der erste Leseblock ließ sich unter das Oberthema Buchmagie stellen. Sowohl in Kai Meyers „Pakt der Bücher“ und Akram El-Bahays „Bücherkönig“ spielt die Magie, die von Büchern ausgeht, eine zentrale Rolle. Während es in „Pakt der Bücher“ und im Seiten der Welt-Universum verborgene Seiten in den Büchern gibt, die den Bibliomanten helfen, ihre Buchmagie zu wirken, taucht in „Bücherkönig“ ein Wesen auf, dass aus Buchseiten zu bestehen scheint und beliebig die Gestalt wechseln kann. Beide Magieformen lassen sich ebenso gut als Metapher lesen. Jeder Leser liest zwischen den Zeilen oder auch den Seiten und so sieht jeder in einer Geschichte etwas anderes. Aber Bücher können auch Gestalten schaffen. Vor allem ist ein Buch bedrucktes und gebundenes Papier und es ist der Autor, der die Geschichte formt und der Leser, in dessen Phantasie wieder zum leben erweckt wird. In gewisser Hinsicht sind Phantastikautoren sogar ziemlich ehrlich. „An die Realität angelehnte Geschichten sind ja auch Fiktion“, setzt Kai Meyer schmunzelnd an und ergänzt „allerdings erfinden wir Phantastikautoren gleich eine ganz andere Welt und tun nicht so, als wäre die Handlung real.“ Aber wenn man das Buch so in den Vordergrund seiner Geschichte stellt, wie steht es dann mit der eigenen Affinität zum gedruckten Medium? Sowohl Kai Meyer und Akram El-Bahay schätzen das Buch an sich zwar, für sie stehen allerdings die darin enthaltenen Geschichten im Vordergrund. „In Ägypten hat das mündliche Geschichtenerzählen nach wie vor Tradition und eine große Bedeutung“, erzählt Akram El-Bahay in diesem Zusammenhang. Nichts desto trotz hat das Medium Buch auch seinen Reiz, schließlich geht es um das Gesamterlebnis beim Lesen und da gehört das Riechen an den Seiten schließlich auch zur Gesamtästhetik.img_20190425_191158

In der zweiten Autorenrunde haben Heike Knauber aus „Najaden – Das Siegel des Meeres“ und Bernhard Hennen „Die Chroniken von Azuhr – Der Verfluchte“gelesen. Beide Geschichten basieren auf Geschichte bzw. Geschichten, die schon vor der Geschichte existiert haben. Heike Knauber verarbeitet in ihrem Roman den Mythos der Najaden, den Wassernymphen der griechischen Mythologie. Bernhard Hennen greift in „Die Chroniken von Azuhr“ aktuelle politische und gesellschaftliche Ereignisse auf. Eine Rede einer Figur in der Geschichte beginnt mit „Ich habe einen Traum“ und da bedarf es nun nicht viel Phantasie, um die die Verbindung zu Martin Luther King herzustellen. img_20190425_202818Die Frage, was Fantasy oder Phantastik überhaupt darf, bleibt ebenfalls nicht aus. Bernhard Hennen, dessen Geschichten oft reale historische Ereignisse aufgreifen, erzählt, dass er in einer Szene in „Elfenwinter“ die Flucht aus Ostpreußen über das gefrorene Haff im Winter 1945 zugrunde gelegt habe. Bei einer Lesung sei eine Frau, die als Kind selbst bei dieser Flucht dabei gewesen sei, daraufhin auf ihn zugekommen und habe erzählt, dass sie die Szene nie mit der Flucht in Verbindung gebracht habe. Fantasy schafft also eine gewisse Distanz zur Realität. Bernhard Hennen beschreibt das als eine Art rosa Schleier, also eine Romantisierung der Geschehnisse. Mir persönlich ist der Gedanke gekommen, dass man diese Distanz vielleicht mit der eigenen Muttersprache und einer Fremdsprache vergleichen kann. Zu Worten in der Muttersprache hat man, weil man damit aufgewachsen ist, oft eine emotionalere Beziehung als zu Worten in der Fremdsprache, wodurch es manchen leichter fällt, über bestimmte Dinge in einer Fremdsprache zu sprechen. Fantasy als eine Art Übersetzung der realen Welt klingt dabei gar nicht mal so abwegig. Wobei es natürlich immer am Leser liegt, wie er das Geschriebene auffasst und in seine Lebenswelt zurückübersetzt. Auf das, was mit den Geschichten passiert, wenn sie erst einmal in die Welt hinaus gelassen wurden, haben Autoren schließlich keinen Einfluss. Heike Knauber hat aber die Erfahrung machen dürfen, das Geschichten durchaus in der Lage sind, Menschen durch schwere Situationen zu helfen und das Bücher auch als Anker für den Leser selbst funktionieren.

img_20190425_195958Geteilt sind die Leseblöcke durch Musik von Autor, Musiker, Regisseur und Produzent (nicht unbedingt in genau der Reihenfolge) Tommy Krappweis. Seinen bunten Mix aus Pop („For What it’s Worth“), Country („Jolene“) und Folk ergänzt er mit seinem Song „Autorenblues“ in dem er verschiedene Zitate aus der Lektoren- und Verlagsbranche verarbeitet, die tatsächlich so zu ihm oder Bekannten von ihm gesagt worden sind. Das Sprichwort „da kann man ein Lied von singen“, erhält so eine ziemlich wörtliche Bedeutung. Aber immerhin wissen wir jetzt, warum es sich lohnt Vögel auf einem Buchcover abzubilden. Hört euch den Song einfach mal an 😉

Nach einer kurzen Pause ging es auch schon in den dritten und letzten Leseblock. Theresa Hannig, C.E. Bernard und Stefanie Hasse lesen aus ihren Werken und beschließen den Abend gewissermaßen mit geballter Frauenpower, denn die Geschichten der drei Autorinnen drehen sich allesamt um starke Frauenfiguren. Den Anfang macht Theresa Hannig mit ihrer Dystopie „Die Optimierer“, einer Geschichte, die nachdenklich macht, da die Handlung zwar einer fiktiven Zukunft stattfindet, allerdings heutige Ereignisse und Gegebenheiten berücksichtigt und darauf aufbaut. C.E. Bernard stellt mit „Palace of Glass“ den Einstieg in die Welt ihrer Protagonistin Rea vor, gibt aber mit dem ersten Kapitel aus „Palace of Blood“ auch schon einen kleinen Ausblick auf Band 4. Das zweite Kapitel hat sie dann, im Original, auf Englisch gelesen, wobei man wieder beim Thema Fantasy und Übersetzung wäre, da die Palace-Saga zwar auf Englisch verfasst wurde, aber bisher noch nicht auf dem englischsprachigen Buchmarkt erschienen ist. „Ich habe mich gefragt, was Magie mit Gesellschaften macht und wie die sozialen und politischen Strukturen dann aussehen würden“, erzählt die Autorin. „Heliopolis – Magie aus ewigem Sand“ von Stefanie Hasse erzählt dagegen die Geschichte früherer Hochkulturen neu. „Warum gibt es in vielen früheren Hochkulturen Pyramiden?“, fragt die Autorin und liefert mit ihrem Buch eine möglich Erklärung dazu. Das sie nicht aus dem aktuellen zweiten Band liest hat eine einfach Erklärung. „Ich kriege nicht mehr als fünf Minuten Text zusammen, ohne zu spoilern“, lacht Stefanie Hasse. Auffallend an allen drei Geschichten um Macht geht und um die Frage, warum die Macht gerade bei denen liegt, die sie im Buch ausüben. In Theresa Hannigs Roman ist es derjenige, der am Meisten an das System glaubt, bei C.E.Bernard derjenige, der sich die Angst vor der Magie am geschicktesten zu nutze gemacht hat und bei Stefanie Hasse derjenige, der die Magie der Täuschung beherrscht, da derjenige alle anderen Magieformen aussticht. Und es sind immer Männer, die über Macht verfügen, allerdings junge Frauen, die diesen Umstand ändern möchten. img_20190425_214136Die anschließende Diskussionsrunde knüpft an den zweiten Block an. Durch ihre Distanz zur Realität kann Fantasy durchaus der Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Vielleicht sogar besser als kritische, realitätsnahe Fiktion, da die Distanz die Leserschaft eher zum Nachdenken und zur Reflektion anregt und es erst zu einem späteren Zeitpunkt auffällt, dass man eigentlich gerade mit aktuellen, realen Geschehnisse beschäftigt. Fantasy, das wird in der Diskussion deutlich, ist vor allen Dingen Literatur und Literatur gehört zur Kunst. „Kunst ist frei und muss gar nichts, kann aber vieles“, betont C.E. Bernard. Kunst kann und darf dabei auch gerne politisch sein, wobei der politische oder kritische Mehrwert sich immer aus der Betrachtung ergibt. Spannenderweise wird das was man sich erliest, vom Gehirn als als real empfunden obwohl man natürlich weiß, dass man eigentlich nie in Narnia oder Mittelerde war. Allerdings können Leser für bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen vielleicht eher ein abschreckendes oder auch gutes Beispiel nennen, als Nicht-Leser.

Ob Leser bessere Menschen sind, sei allerdings mal dahingestellt. Erwiesenermaßen fördert Lesen zwar die Empathie, aber ob man diese erworbene Empathie dann auch einsetzt ist jedem selbst überlassen und steht auf einem anderen Blatt. Leider musste die Diskussion zum Schluss aus Zeitgründen abgebrochen werden, obwohl man wahrscheinlich noch lange über ganz spannende Aspekte hätte sprechen können. Ein ganz großes Dankeschön an dieser Stelle an das Phantastik-Autoren-Netzwerk, dass diesen Abend organisiert hat.

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