Ein Held ist einer, der tut, was er kann. Die anderen tun es nicht.

Als ich vor kurzem „Die Helden von Midgard“ von Liza Grimm gelesen habe, bin ich nicht darum hin gekommen, mich zu fragen, was Helden eigentlich ausmacht. Nur Muskeln und Waffengewandtheit machen für mich noch keinen Helden (auch wenn Thor das durchaus tragen kann 😉). Also habe ich mich mal in die Welt von Mythen, Sagen und Heldenepen begeben, um herauszufinden, wodurch sich Helden charakterisieren.


Der Ausspruch von Schriftsteller und Nobelpreisträger Romain Rolland sagt es bereits: Helden sind ganz besondere Romanfiguren. Selbstlos setzen sie sich für andere ein, das höhere Ziel immer genau vor Augen. Vor allem gegen Superhelden, wie Iron Man, Captain America, Batman und Wonder Woman, haben die Bösen nicht den Hauch einer Chance. Wenn man sich die Struktur der Geschichten um Superhelden anschaut, dann gibt es ein simples, aber wirkungsvolles Muster. Die Welt wird in Gute und Böse eingeteilt. Der Held kämpft nicht für sich selbst, sondern zum Wohl der Allgemeinheit, was durch den oder die Bösen bedroht ist. Während die Gegenseite immer eigene Interessen verfolgt, wie etwa die Übernahme der Weltherrschaft, stellt sich der Held in den Dienst der Gerechtigkeit und des Allgemeinwohls. Während die Realität der Leser eine komplexe Welt ist, wird die Welt des Helden durch die Teilung in die zwei Seiten Gut und Böse vereinfacht und damit greifbarer und durchschaubarer. Helden sorgen für eine Ordnung, die sich in der Realität der Leser so nicht findet und leben dadurch nicht nur das Idealbild des guten Menschen, sondern machen die Welt – zumindest im Roman – übersichtlicher.

Das Muster ist dabei aber weder von Marvel oder DC patentiert oder ausgedacht, noch besonders neu. Schaut man in die antike Sagenwelt, dann finden sich dort so einige Helden. Mit Blick auf die Wortbedeutung ist das gar nicht mal so ungewöhnlich, denn das griechische Wort „herós“ bedeutet sowohl Held, als auch Tapferer und Halbgott1 und da Zeus nicht viel von ehelicher Treue und Monogamie hielt, sondern ganz im Gegenteil eher umtriebig war, finden sich in den griechischen Sagen so einige Halbgötter. Einer der bekanntesten ist wahrscheinlich Achilles, der in der, vermutlichen zwischen 8 und 7 v. Chr. entstandenen, „Ilias“ von Homer als Held im Krieg gegen Troja agiert. Jetzt kann man darüber streiten, ob Achilles Handlungen im trojanischen Krieg selbstlos und dem höheren Gut gewidmet waren, allerdings gibt es ein zentrales Element, dass ihn im Rahmen der Sage zum Helden macht: Die Griechen können ohne ihn nicht gegen die Trojaner gewinnen. Der Held ist also ausschlaggebend für Sieg oder Niederlage, bezahlt dafür aber nicht selten mit einer persönlichen Niederlage oder mit dem Tod. In der Ilias erlebt Achilles den Triumph der Griechen nicht mehr2.

In mittelalterlichen Heldensagen, wie der Artussage, dem Hildebrandslied, der Nibelungensage oder in den Balladen von Robin Hood, geht es neben dem eigentlichen Helden oft auch um Legitimation von Herrschaft oder das Aufbegehren gegen Missstände. Allerdings tauchen in den mittelalterlichen Sagen, vorwiegend menschliche Helden auf (wenn man großzügig darüber hinwegsieht, dass Lancelots Mutter vermutlich eine Zauberin oder Nymphe war). Die Helden mittelalterlicher Balladen stehen oftmals zwischen Realität und Magie. Wobei die Bewältigung dieser Magie häufig das Alleinstellungsmerkmal der mittelalterlichen Sagenhelden ist. Nur Artus vermag das vom Zauberer Merlin geschmiedete Schwert Excalibur aus einem Stein zu ziehen, Siegfried zieht gegen einen Drachen aus3 und Beowulf kämpft gegen den Troll Grendel4. Dabei dienen die Heldentaten in der hierarchischen Weltsicht des Mittelalters auch als Legitimation zu herrschen. Der König wird innerhalb der Sage zum guten, gerechten und vor allem rechtmäßigen Beschützer seiner Untertanen erklärt5. Demgegenüber stehen die Erzählungen um Robin Hood, in denen soziale Missstände thematisiert werden. Robin nimmt von den Reichen und gibt den Armen, wodurch er zu einem Hoffnungsträger wird und die klassischen Heldenmerkmale der Selbstlosigkeit und dem Einsatz für das Gemeinwohl erfüllt werden6.

Die nordisch-germanische Mythenwelt kennt das Motiv des Helden ebenfalls. Die Wikinger und Germanen glaubten, dass ehrenhaft im Kampf gefallene Krieger nach Walhalla kämen, wo sie als Helden gefeiert würden und in einem nie endenden Festmahl an Odins Tafel speisen würden. Wer nach diesem Verständnis nicht heldenhaft starb, der kam nach Hel, wo die Seele auf ewig umherirrte. Es braucht nicht viel Fantasie, um darauf zu kommen, dass es am ehesten wohl Frauen und Kinder waren, denen das Festmahl nach dem Tod verwehrt bleib. Weibliche Heldinnen bzw. Frauen insgesamt sind sowohl in den griechischen als auch in den nordischen Sagen eher selten, obwohl sie durchaus vorhanden sind. Ohne Medeas Hilfe hätte Iason niemals das Goldene Vlies erbeuten können, Theseus hätte ohne Ariadnes Hilfe und den berühmten Ariadnefaden nie wieder aus dem Labyrinth des Minotaurus herausgefunden. Zwar waren es wieder mal die Männer, die aktiv gegen das Böse gekämpft haben, ohne die Hilfe kluger Frauen, hätten sie diese Taten allerdings nicht überlebt. Die Göttin Idun aus der nordischen Mythologie entspricht dem Heldenbild zwar nicht im klassischen Sinne, allerdings ist sie die Hüterin der goldenen Äpfel, die ihr und den anderen Göttern Unsterblichkeit verleihen. Gemeinnütziges und heldenhaftes Verhalten muss also nicht zwangsläufig offensichtlich erfolgen. Die Redewendung „Helden des Alltags“ bezeichnet auch nicht immer zwangsläufig Menschen, die sich punktuell für etwas einsetzen, in dem sie beispielsweise Zivilcourage zeigen. Helden des Alltags sind auch Menschen, die sich langfristig und ehrenamtlich für eine Sache einsetzen.

Hobbit Frodo Beutlin beweist in „Der Herr der Ringe“ eindrucksvoll, dass man auch Schritt für Schritt etwas bewirken kann, ohne das große Kampfgetümmel zu suchen. Gandalf umschreibt es im Film „Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“ mit den Worten:

„Saruman ist der Meinung, dass nur große Macht das Böse fernhalten kann, aber ich habe anderes erfahren. Ich finde, es sind die kleinen Dinge, alltägliche Taten von gewöhnlichen Leuten, die die Dunkelheit auf Abstand halten. Einfache Taten aus Güte und Liebe. Warum Bilbo Beutlin? Vielleicht, weil ich mich fürchte und er mir Mut verleiht.“7

Mut und Angst gehören ebenfalls zum Heldentum dazu. Oft werden Helden als furchtlos porträtiert, dabei gerät schnell in Vergessenheit, dass Helden, auch Superhelden, die ganze menschliche Bandbreite an Gefühlen besitzen und ebenso Angst empfinden können, wie die Leser oder Zuschauer. Und vielleicht ist es eine Mischung aus Angst und instinktivem Verhalten aus der Situation heraus, dass Helden so erfolgreich macht. Am ehesten lässt sich dies möglicherweise mit dem Verhalten von Ersthelfern bei einem Unfall vergleichen, die in der Situation einfach nur noch funktionieren und hinterher oft gar nicht beschreiben können, was sie warum und in welcher Reihenfolge gemacht haben.

In dem Roman „Das Leuchten am Rande des Abgrunds“ beschreibt Autorin Stella Delaney das Innenleben von Helden folgendermaßen:

„Aber ein Held zu sein, bedeutet doch nicht, keine Angst zu haben. Ich bin überzeugt, dass die größten Helden der Geschichte genau wussten, was Angst ist. Dass sie kurz vor ihrer wichtigsten Tat von geradezu unglaublicher Panik erfüllt waren und am liebsten weggelaufen wären. Mut ist nicht, wenn man keine Angst fühlt, sondern wenn man erkennt, dass es etwas wichtigeres gibt. Etwas, dass es wert ist, die Angst dafür zu überwinden.“8

Und damit komme ich auf das Buch zurück, dass mich dazu gebracht hat, über Helden zu recherchieren: „Die Helden von Midgard“ von Liza Grimm. Hier ist das Heldenschicksal durch die Schicksalsgöttinnen, die Nornen, bereits vorbestimmt. Walküre Kara, deren Aufgabe es eigentlich ist, den Helden nach Walhalla zur bringen, ist dabei von Beginn an zum Scheitern bestimmt. Sie folgt nicht ihrem Gespür, sondern ihrem Herzen, um den Krieger, den sie liebt, nach Walhalla zu holen. Dabei übersieht sie alle Hinweise auf den wahren Helden, der die ganze Handlung über weniger an sich als an andere denkt und alles daran setzt, so wenig Angst wie möglich haben zu müssen. Und damit zeigt sich eine weitere Eigenschaft eines Helden. Selbst wenn er weiß, dass er im entscheidenden Moment reagieren muss, versucht er sich bestmöglich auf diesen Moment vorzubereiten. Alles andere wäre blinder Opportunismus und würde im Rahmen der Handlung nicht weit führen. Denn auch, wenn Helden besondere Romanfiguren sind, sind sie doch immer noch Romanfiguren und handeln auch des Narrativs entsprechend.

 

 

1Vgl. Burdorf, Dieter/Fasbender, Christoph/Moennighoff, Burkhard [Hrsg.] 2007. Stichwort: Held. Metzler Literaturlexikon: Begriffe und Definitionen, 3. völlig neu bearbeitete Auflage. Stuttgart: J.B.Metzler.

2Vgl. Homer 1990. Ilias (Übersetzung von Johann Heinrich Voß). Frankfurt a.M.: Insel Verlag.

3Vgl. Goetzinger, Ernst 1885. Stichwort: Nibelungenlied. Reallexicon der deutschen Altertümer. (http://www.zeno.org/Goetzinger-1885/A/Nibelungenlied) (14.4.2019).

4Vgl. Goetzinger, Ernst 1885. Stichwort: Beówulf. Reallexicon der deutschen Altertümer. (http://www.zeno.org/Goetzinger-1885/A/Be%C3%B3wulf?hl=beowulf) (14.4.2019).

5Vgl. Brockhaus‘ Kleines Konversations-Lexikon 1911. Stichwort: Artus. (http://www.zeno.org/Brockhaus-1911/A/Artus?hl=artus) (14.4.2019).

6Vgl. Meyers großes Konversationslexikon 1905-1909. Stichwort: Robin Hood. (http://www.zeno.org/Meyers-1905/A/Robin+Hood?hl=robin+hood) (14.4.2019).

7Vgl. Jackson, Peter 2012. Der Hobbit – Eine unerwartete Reise. Extended Edition. Der Spielfilm – Teil Zwei. Warner Bros. [11:33-12:10].

8Vgl. Delaney Stella, 2018. Das Leuchten am Rande des Abgrunds. Berlin: epubli. S. 83.

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