Brüchige Welt(en)

Wenn ein Buch mit „Harry Potter“ von J.K. Rowling und „His Dark Materials“ von Philip Pullmann verglichen wird, dann ist die Erwartungshaltung entsprechend hoch. Ich persönlich möchte noch einen draufsetzen und „Die Verlobten des Winters“ mit „Die Seiten der Welt“ von Kai Meyer vergleichen, einfach aus dem Grund, da mich die Struktur der Geschichte daran erinnert hat. An „Harry Potter“ und „His Dark Materials“ habe ich beim Lesen dagegen gar nicht gedacht. Zu welcher Buchreihe man auch den Vergleich ziehen möchte, bleibt einem wohl selbst überlassen. Allerdings ändert das nichts daran, dass Christelle Dabos mit ihrem Debüt eine Welt gelungen ist, die einiges an erzählerischem Potenzial mit sich bringt.


Christelle Dabos – Die Verlobten des Winters (Die Spiegelreisende Band 1)
Eigentlich wäre Ophelia manchmal ganz gerne unsichtbar. Die zurückhaltende und etwas schüchterne junge Frau macht sich nichts aus Mode, versteckt sich gern hinter ihrer Brille und einem Schal, der, nun ja, etwas besonders ist und ein gewisses Eigenleben führt. Allerdings passt er damit gut zu seiner Besitzerin. Auch Ophelia hat besondere Fähigkeiten. Sie kann Gegenstände lesen und durch Spiegel reisen. Auf ihrer Heimatarche Anima führt sie das Familienarchiv, bis man ihr verkündet, dass man sie mit einem jungen Adligen namens Thorn verlobt hat. Der lebt auf der eisigen Arche des Pols, was auch bald Ophelias Heimat sein soll. Ganz abgesehen davon, dass weder Ophelia noch Thorn in Anbetracht der Verlobung in Beifallsstürme ausbrechen, scheinen aber auch noch andere etwas gegen die Ehe zu haben.

In ihrem ersten Band „Die Verlobten des Winters“ der Reihe über die „Die Spiegelreisende“ führt Christelle Dabos sehr geschickt in die Handlung ein. Ophelia ist nicht nur Protagonistin, sondern auch Sympathieträgerin der Handlung und gemeinsam mit ihr kommt man nach und nach hinter die Motive der verschiedenen Hofintrigen am Pol. Dabei macht es die Autorin ihrem Hauptcharakter keinesfalls leicht, sondern erschafft eine Welt, die Ophelia immer wieder vor Probleme stellt, sie mit Rückschlägen konfrontiert und himmelschreienden Ungerechtigkeiten aussetzt. Die Geschichte besticht dabei vor allem durch ihr Konfliktpotenzial. Nicht nur die Archen sind Scherben einer zerbrochenen Welt, auch die Gesellschaft wirkt brüchig. Um zivilisierte Umgangsformen ist, zumindest gegenüber Ophelia, kaum jemand bemüht.

Dadurch, dass die Geschichte personal aus der Sicht von Ophelia erzählt wird, ergreift man als Leser automatisch Partei für sie, auch, weil einem die Handlungsmotive der anderen Charaktere fremd bleiben. Das macht die Geschichte jedoch nicht einseitig. In der Interaktion der Figuren untereinander ergeben sich immer wieder neue Handlungsdynamiken, wodurch die anderen Charaktere miteinbezogen werden. Hinzu kommt Christelle Dabos‘ Schreibstil, der einen vollkommen in die Geschichte eintauchen lässt und den Leser in die Welt der Archen entführt.

Christelle Dabos: Die Spiegelreisende Band 1 – Die Verlobten des Winters (Übersetzung von Amelie Thoma), 2019, 535 Seiten, Insel Verlag
ISBN 978-3-458-17792-0
18,00 Euro

Das Buch wurde mir durch Vorablesen vom Insel Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!
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