Blogtour „Der Atlas der besonderen Kinder“ – Die Victorians und die Fotografie

Nachdem Babsi, Lisa, Willy & Christin und Carolin schon gut vorgelegt haben, habe ich heute die Ehre einen Beitrag zur Blogtour „Der Atlas der besonderen Kinder“ leisten zu dürfen. Morgen geht es bei Lara weiter. Da ich beruflich selber viel fotografiere, habe ich mir die Fotografien in den Büchern ein bisschen näher angesehen. Dabei habe ich herausgefunden, dass Ransom Riggs selbst leidenschaftlicher Fotograf und Fotosammler ist.

„I have an unusual hobby: I collect other people’s pictures. The ones I love are old and orphaned and have found their way into flea markets or swap meets or into the hands of collectors. I have thousands, some of which have found their way into my books.“
(Ransom Riggs)


Bilder bzw. Fotografien sind ein zentraler Bestandteil in Ransom Riggs Büchern über die besonderen Kinder. Eigentlich hat er die Geschichten sogar um die Fotos herum angordnet. Dabei illustrieren sie die Geschichte nicht nur, sondern erzählen auch selbst ein Stück der Geschichte weiter und bilden eine Art roten Faden innerhalb der Handlung. „Der Atlas der besonderen Kinder“ enthält alleine 40 (wenn ich richtig gezählt habe) Bilder und Abbildungen. Einige Fotografien sind dabei jüngeren Datums, andere Bilder lassen sich durch den Stil eher dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zuordnen. In „Die Insel der besonderen Kinder“ ist ein Bild mit „Viktorianischer Zahnarzt“ betitelt, „Die Bibliothek der besonderen Kinder“ spielt sogar teilweise im England am Ende des 19. Jahrhunderts. Auf Devil’s Acre ist es 1886, wie Hugh ganz am Anfang von „Der Atlas der besonderen Kinder“ bestätigt. Die Coverabbildungen sind sich vom Stil her alle ähnlich. Sie zeigen alle ein offenbar besonderes Kind. Der Bildstil, der Bildaufbau sowie Kleidung und Frisur der Abgebildeten lassen darauf schließen, dass es sich um Fotografien aus der viktorianischen Zeit handelt. Der Blick ist in die Ferne gerichtet, keines der abgebildeten Kinder schaut direkt in die Kamera, was vermutlich dem Umstand geschuldet ist, dass die Belichtungszeiten in den Anfängen der Fotografie noch entsprechend lang waren. Allerdings – und dabei ist es unerheblich, ob die alten Fotografien mit heutigen Mitteln nachbearbeitet worden sind – waren die Victorians auch bereits ziemlich geschickt daran, Bilder zu manipulieren, weshalb es auch einige Geisterbilder aus der Zeit gibt. Die gespenstisch wirkenden Erscheinungen wurden allerdings durch bereits teilweise belichtete Platten erzeugt.

Quelle: National Media Museum

Nachdem sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Daguerreotypie und Talbotypie erste fotografische Verfahren entdeckt worden waren, entwickelte sich Fotografie im Laufe der Zeit immer weiter. Man fand neue Belichtungsverfahren, Möglichkeiten, um Abzüge von den belichteten Platten zu machen, man baute Verschlüsse und Objektive. Und genauso wie heute der Verkaufsstart des neuen iPhones gefeiert wird, waren die Menschen damals auch an den neuen und sich weiterentwickelnden Verfahren interessiert, auch wenn immer eine gewisse Skepsis dabei war1. Vor allem Königin Victoria von England war von der neuen Technik begeistert und förderte sie stark. Beim Volk war die Fotografie unter anderem deshalb beliebt, weil sie eine im Vergleich zum gemalten Porträt günstige Möglichkeit bot, sich abbilden zu lassen – auch wenn sie immer noch alles andere als preiswert war. Die Förderung der Fotografie durch Königin Victoria prägte allerdings auch das viktorianische Bildmotiv. Werte wie Stabilität, Fortschritt (Großbritannien befand sich gerade im Imperialismus), Anstand und Tugendhaftigkeit wurden großgeschrieben2. Mit ein Grund, weshalb die Personen auf viktorianischen Fotografien so ernst schauen. Abgesehen davon, dass die Belichtungszeit etwa eine halbe Minute dauerte, galt es als unschicklich zu lächeln3. Zusätzlich war Zahnhygiene damals noch Luxus, sodass viele Erwachsene, aber auch bereits Kinder schlechte Zähne hatten, die sie auf Fotos nicht zeigen wollten.

Auch wenn eine Fotografie etwas völlig anderes ist, als ein gemaltes Porträt war den Viktorianern schnell klar, dass sie auch auf einem Foto, nicht so aussehen wollen wie sie sind, sondern wie sein und von anderen wahrgenommen werden möchten. In seinem Buch „The Concise History of Photography“ berichtet Helmut Gernsheim von einer Episode zwischen Königin Victoria und ihrem Hofmaler Alfred Chalon, in der sie ihn fragt, ob er keine Angst habe, dass die Fotografie seinem Beruf schaden könne. Er soll daraufhin gesagt haben: „Ah, non, Madame, photographie can’t flattere“4. Die Fotografie an sich beschönigt ja auch tatsächlich nichts, erst die Manipulation am Bild erzielt den gewünschten Effekt. Wobei ein Foto an sich immer auch eine Manipulation ist. Die Wahl des Motivs, des Winkels, die Art und Weise mit der Personen auf Bildern gruppiert werden, beeinflußen bereits vor dem Druck auf den Auslöser das Motiv.

Die Viktorianer haben neben den ernsten Familienfotos aber auch die Post-Mortem Fotografie einigermaßen salonfähig gemacht. Das viktorianische Zeitalter war stark durch Krankheiten wie Tuberkulose geprägt, die Säuglings- und Kindersterblichkeit war hoch. Der Tod war etwas alltägliches. Fotografien boten die Möglichkeit, ein erstes und letztes Bild eines Kindes anfertigen zu lassen. Oftmals wurden diese Fotografien als Erinnerung in einem Medaillon aufbewahrt5.

Allerdings fotografierten die Victorians vorzugsweise die Lebenden und auch, wenn es als unschicklich und albern galt zu Lächeln, gibt es sogar von Königin Victoria Bilder, auf denen sie lächelt oder Bilder, die Personen beim Herumalbern zeigen. Allerdings kamen diese Bilder erst um etwa 1890 herum in Mode, als bereits kürzere Belichtungszeiten möglich waren. Das viktorianische Porträt allerdings wurde als etwas dokumentierendes und bleibendes gesehen, weshalb der Blick dort ernst und gerade ist – wie der von den Kindern auf Ransom Riggs Büchern.

1Vgl. Barba, Patricia 2015. Vergänglichkeit und Tod in der Fotografie am Beispiel von Roland Barthes‘ „Die helle Kammer“. Hamburg: Diplomia Verlag. S. 11-17.
2Vgl. Sweet, Matthew 2014. Inventing the Victorians: What We Think We Know About Them and Why We’re Wrong. St. Martin’s Press.
3Vgl. Jeeves, Nicholas 2013. The Serious and the Smirk: The Smile in Portraiture. (https://publicdomainreview.org/2013/09/18/the-serious-and-the-smirk-the-smile-in-portraiture/) (16.02.2019).
4Vgl. Gernsheim, Helmut 1986. A Concise History of Photography. New York: Courier Corporation. S. 34.

5Vgl. Linkman, Audrey (2006). Taken from Life: Post-Mortem Portraiture in Britain 1860-1910. History of Photography: An International Quarterly. 30. S. 309–347.


Weitere Beiträge zur Blogtour findet ihr bei
Babsi : Was ist deine besondere Fähigkeit?
Lisa : Auf Reisen mit den besonderen Kindern
Willy & Christin : Die Charaktere und ihre besondere Fähigkeit
Carolin : Must-Haves für einen besonderen Roadtrip
-> Katrin : Die Victorians und die Fotografie <-
Lara : Zehn besondere Fotos

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4 Gedanken zu “Blogtour „Der Atlas der besonderen Kinder“ – Die Victorians und die Fotografie

    1. bootedkat

      Hallo Karin,
      die Recherche für den Beitrag fand ich selber auch total spannend. Wenn man bedenkt, wie einfach und schnell man heute fotografieren kann und wie lange es damals noch gedauert hat, ist das schon echt faszinierend. Und alte Bilder haben sowieso etwas für sich.
      LG Katrin

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  1. thebluesiren

    Hallöchen!
    Was für ein spannender Beitrag.
    Ich habe einen kleinen Faible für das viktorianische Zeitalter und finde es immer sehr spanned, mehr darüber zu erfahren. Vor allem die Geisterfotos aus dieser Zeit sind ziemlich cool, auch wenn sie gefaked sind.
    Vielen Dank, dass du bei der Blogtour dabei warst! ❤
    LG Babsi

    Gefällt 1 Person

    1. bootedkat

      Hey,
      das freut mich, dass dir der Beitrag gefällt. Das viktorianische Zeitalter finde ich auch ziemlich spannend, zu mal in der Zeit so viel passiert ist. Gut, Königin Victoria hat auch lange regiert ;). Die Blogtour hat mir super viel Spaß gemacht. Vielen Dank, dass ich dabei sein durfte!
      Ganz liebe Grüße
      Katrin

      Gefällt 1 Person

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