Silber zu Gold

„Heute back ich, morgen brau ich,
übermorgen hol ich der Königin ihr Kind;
ach wie gut, dass niemand weiß,
dass ich Rumpelstilzchen heiß!“

Märchen und Märchenneuerzählungen finde ich immer wieder faszinierend. Vor allem, weil man durch neuerzählungen der Märchen oft noch einmal einen ganz anderen Blick auf die Ursprungsgeschichte einnehmen kann. Und obwohl Rumpelstilzchen nie zu meinen Lieblingsmärchen gehört hat, ist die Figur des Rumpelstilzchens ziemlich spannend. Einerseits kann er zaubern, dann ist unklar, was für ein Wesen er ist und auch die Magie des wahren Namens spielt eine große Rolle. Eigentlich alles Zutaten für eine klassische Fantasygeschichte.


Naomi Novik – Das kalte Reich des Silbers
Mirjems Familie leidet bittere Armut. Und das nur weil ihr Vater, ein Pfandleiher, es nicht übers Herz bringt, sich das verliehene Geld auch wieder zurückzuholen. Als ihre Mutter schwer erkrankt, beschließt Mirjem die Schulden einzutreiben, um damit Medizin bezahlen zu können. Ihre Unnachgiebigkeit und ihr Geschäftssinn tragen ihr bald den Ruf ein, Silber in Gold verwandeln zu können. Als der König des magischen Volks der Staryk davon hört, stellt er Mirjem zunächst auf die Probe, bevor er sie in sein Reich entführt, damit sie dort wahrhaftig Silber in Gold verwandelt.

Mit „Das kalte Reich des Silbers“ erzählt Naomi Novik die Geschichte vom Rumpelstilzchen neu. Nur, dass es in dieser Geschichte, streng genommen, kein Rumpelstilzchen gibt. Niemand backt heute, braut morgen oder holt übermorgen der Königin ihr Kind. Allerdings spielen zentrale Elemente des Märchens eine nicht unwichtige Rolle. So sind Habgier, Macht und Prahlerei starke Handlungsmotive, aber auch das dreimalige Auf-die-Probe-Stellen, das Böse in Gestalt eines Dämons und das Geheimhalten von Namen kennzeichnen die Erzählung. Ein ebenfalls nicht unwichtiger Aspekt, der meiner Ansicht nach durchaus etwas Sozialkritik in die Geschichte bringt, ist die Tatsache, dass Mirjems Familie jüdisch ist. Die Antipathie, die Mirjems Familie von den anderen Dorfbewohnern erfährt, ist zwar vorwiegend darauf begründet, dass Mirjem so hartnäckig die Schulden zurückfordert, allerdings wird man beim Lesen das Gefühl nicht los, dass Naomi Novik auch gegen Antisemitismus schreibt.

Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, wobei man mitunter überlegen muss, wer gerade spricht. Da Sprecherwechsel allerdings immer durch Absätze gekennzeichnet sind, verliert man beim Lesen aber trotzdem nicht den Faden. Die wechselnden Perspektiven sorgen dafür, dass man auch die Sichtweise der vermeintlich Bösen erlebt und dadurch einen besseren Einblick in ihre Motive erfährt. Und auch die eigentlich Guten handeln nicht immer durchweg einwandfrei. Auch, wenn „Das kalte Reich des Silbers“ eine Version des Märchens vom Rumpelstilzchen ist, finden sich hier deutlich mehr Grauzonen innerhalb der Handlung, wodurch auch die Ursprungsgeschichte eine andere Perspektive bekommt.

Naomi Novik: Das kalte Reich des Silbers (Übersetzung von Marianne Schmidt), 2019, 576 Seiten, cbj Verlag
ISBN 978-3-570-16549-2
18,00 Euro

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom cbj Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!
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