Das Spiel der Könige

Achtung, mögliche Spoiler für alle die „King of Scars“ noch nicht gelesen haben.

Schach, das kommt aus dem Persischen und heißt in etwa so viel wie königliches Spiel. Und tatsächlich ist der König beim Schach die wichtigste Figur. Jetzt ist natürlich die Frage, was Schach mit Geschichten zu tun hat. Jedes Schachspiel erzählt die Geschichte einer Schlacht an deren Ende die Niederlage eines Königs und der Sieg eines anderen Königs steht. Aufstieg und Fall von Königreichen auf dem Spielbrett sozusagen. Da „King of Scars“ von Leigh Bardugo einen kleinen Buchhype auslöst hat, habe ich mich dazu entschieden, keine Rezension zu schreiben, sondern mich stattdessen mit der Figur des Königs ein wenig auseinanderzusetzen. Könige gibt es in Geschichten einige. Vor allem in der Fantasyliteratur, angefangen bei den Grimmschen Märchen, sind Könige zu finden und beliebte Figuren. Der König symbolisiert die herrschende Ordnung. Ist diese moralisch gut, dann ist auch autmatisch der König ein gerechter Herrscher. Wird das Königreich von Missständen dominiert, dann wird der König im Laufe der Handlung durch einen Helden, meistens einen Prinzen oder klugen jungen Mann ersetzt1. Allerdings sind auch Märchenkönige, die am Ende „gut“ erscheinen, auch wirklich immer gut. König Drosselbart zum Beispiel erniedrigt seine Frau zutiefst, bevor beide „glücklich bis an das Ende ihrer Tage“ leben2. Im Märchen „Allerleirau“ möchte der König sogar seine Tochter heiraten, was nicht gerade für ein moralisches Verhalten steht3. „König Blaubart“ ist ein regelrechter Verbrecher, der seine getöteten früheren Frauen in einer Kammer im Keller seines Schlosses aufbewahrt4.

Viele Fantasygeschichten greifen die verschiedenen Königsmodelle auf. In Christopher Paolinis Buchreihe „Eragon“ ist es der tyrannische König (Galbatorix), der durch einen Helden (Eragon) gestürzt werden muss, damit die „gute“ Ordnung wieder hergestellt werden kann. Als Gegenentwurf dazu steht die Königin der Rebellen (Nasuada). Nicht nur, dass sie weiblich ist und somit schon ein ein gegnsätzlichen Part darstellt, zusätzlich ist sie auch noch moralisch gut und trifft auch schwere Entscheidungen wohlüberlegt. „Game of Thrones“ ist wohl die Fantasyreihe mit den meisten Königen. Allerdings wird auch hier deutlich: Tyrannen und Wahnsinnige haben meistens keine lange Regierungsdauer. Die Serie hebt allerdings noch weitere Qualitäten eines guten Königs oder einer guten Königin hervor. Diplomatie und Weitsicht. Diejenigen, die nur nach Macht streben (etwa Joffrey Baratheon) besitzen selten die nötige Umsicht nicht ausschließlich zu eigenen Gunsten zu entscheiden.
Und dann ist da ja noch „Der Herr der Ringe“ und Aragorn kam, sah und siegte. Naja nicht ganz. Was Aragorn bzw. Hochkönig Elessar von Arnor und Gondor auszeichnet ist, dass er erst einmal das Land, über das er später regiert, retten muss. Streicher erhebt erst Anspruch auf seinen rechtmäßigen Titel und den Thron als die Zeit reif dafür ist. Davor agiert er im Verborgenen und versucht als Waldläufer Mittelerde vor den Mächten des Bösen zu schützen.

Remember who you are. Nikolai knew. He was a king who had only begun to make mistakes. He was a solider for whom the war would never be over. He was a bastard left alone in the woods. And he was not afraid to die this day.”
(King of Scars)

Mit Blick auf all diese Könige der Fantasyliteratur kann man Nikolai Lantsov kaum als den typischen König bezeichnen. Tatsächlich ertappe ich mich beim Lesen oft dabei, dass ich ihn für einen Prinzen halte. Er ist vorlaut, frech und gerne auch mal sarkastisch.

„If there weren’t an all-powerful dictator and his monstrous horde to attend to, I’d be opening a bottle of champagne.“
(Ruin and Rising)

Hinzu kommt, dass mehr als genug eigene Probleme hat und die seines Landes eigentlich nicht auch noch braucht. Nimmt man die Figur des Prinzen, so findet man deutlich öfter Charaktere, die eine Prüfung bestehen oder sich erst noch beweisen müssen und auch meistens lange nicht so ernsthaft sind, wie der König. Kurz: Nikolai Lantsov steht nicht für den Märchenkönig. Hinzu kommt, dass er eigentlich gar kein Lantsov ist. Der alte König war nicht sein biologischer Vater und somit ist Nikolai streng genommen auch nicht sein rechtmäßiger Thronfolger. Ein Umstand, der ihn vom Märchenkönig unterscheidet. Allerdings – und damit kommt er vielleicht Aragorn am nächsten – wird er gebraucht. Er ist der letzte lebende Vertreter seiner Familie und muss Ravka vor einem Krieg mit Fjerda bewahren. Und, das ist wiederum typisch für einen König, er muss politisch klug heiraten und seine Herrschaft durch Nachkommen sichern. Allerdings hat Nikolai noch eine weitere Gemeinsamkeit mit Aragorn. Beide haben nie auf den Thron hingearbeitet, sondern sich im Verborgenen für ihr Land eingesetzt. Nikolai sagt selbst, dass er als Privatier unter dem Namen Stormhound an Bord der Hummingbird Ravka deutlich besser hat unterstützen können, als es ihm als Prinz oder Soldat jemals möglich gewesen wäre. Er weiß also, wie er strategisch am Besten agieren kann und das macht ihn zu einem überlegten Schachspieler.

„A privateer learns to press any advantage.“
-„And a prince?“
„Princes get used to the word yes.
(Ruin and Rising)

1Vgl. Kaufmann, Rolf 2011. König, Königin. (https://www.symbolonline.de/index.php?title=König,_Königin) (17.02.2019).

2Vgl. Brüder Grimm 1812. König Droßelbart. Kinder- und Hausmärchen Band 1. (https://de.wikisource.org/wiki/König_Droßelbart_(1812)) (17.02.2019).

3Vgl. Brüder Grimm 1812. Allerlei-Rauh. Kinder- und Hausmärchen Band 1. (https://de.wikisource.org/wiki/Allerlei-Rauh_(1812)) (17.02.2019).

4Vgl. Brüder Grimm 1812. Blaubart. Kinder- und Hausmärchen Band 1. (https://de.wikisource.org/wiki/Blaubart_(1812)) (17.02.2019).

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