Lachen ist die momentane Anästhesie des Herzens – Lesung von Christian Berkel

„Der Apfelbaum war meine erste Bühne“, erinnert sich Christian Berkel zu Beginn seiner Lesung. „Wenn Sonntags Besuch kam, dann hatte ich Stühle unter den Baum gestellt und spielte Stücke aus dem Kindertheater oder von mir selbst erdachte Szenen.“ „Der Apfelbaum“ ist auch der Titel von seinem aktuellen Buch, in dem er die Geschichte seiner Eltern erzählt. Eine Odyssee, die seine Mutter Sala und seinen Vater Otto im zweiten Weltkrieg entzweit und erst Jahre später wieder zusammenführt. Sechs Jahre lang hat Berkel dafür seinen Wurzeln nachgespürt. Der Wunsch, seine Familiengeschichte niederzuschreiben, sei aus dem Schweigen entstanden, erzählt er, der Sprachlosigkeit angesichts der Schrecken des zweiten Weltkriegs. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass es in der Vergangenheit meiner Eltern viele Lücken – blinde Flecken – gab, über die sie nie gesprochen haben und die man trotzdem irgendwie versucht hat, zu füllen.“ Denn, so erklärt der Autor , diese blinden Flecken seien ebenso identitätsprägend, wie die Lebensmomente über die man spricht.

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Mit „Der Apfelbaum“ spürt er dieser Identität nach. Allerdings habe er auch an einer Kaffeetafel unter eben diesem Apfelbaum erfahren, dass er nicht ganz deutsch sei. Als Kind habe ihn das in eine Identitätskrise geworfen. Irgendwann habe er allerdings gelernt, dass man seine Identität nicht ablegen oder wechseln könne, sondern sich damit auseinandersetzen müsse. Erinnerung ist dabei immer Teil der Identität. Mit Blick auf seine Eltern betont er aber auch, dass Erinnerung ein Wagnis sein kann. „Meine Mutter hat, wenn man sie auf ihre Erlebnisse während des zweiten Weltkriegs angesprochen wurde, immer lachend davon erzählt“, sagt Berkel. Der französische Philosoph Henri Bergson hat das Lachen mal als „momentane Anästhesie des Herzens“ beschrieben. Manche Ereignisse sind zu schrecklich, um sich ernsthaft auf die Erinnerung an sie einzulassen. Sala hat der Krieg und die Verfolgung erst nach Paris geführt, dann in ein Lager in Gurs in den Pyrenäen. Die Lesung endet, als Sala in einem Zug Richtung Leipzig von deutschen Soldaten kontrolliert wird. „Wenn sie wissen wollen, wie es weitergeht…, beginnt Berkel und legt seine Hand lachend auf das vor ihm liegende Buch. Allerdings kann man sich sicher sein, dass die Geschichte gut ausgeht, denn sonst hätte es diese Lesung nicht gegeben.

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