Die Korridore durchs Fabularium – Lesung mit Kai Meyer

Der Weg ins viktorianische London führt über Bielefeld. Jedenfalls bei der Lesung von Kai Meyer. Mit „Der Pakt der Bücher“ hat er in die Welt der Bibliomanten im 19. Jahrhundert entführt. Wer die Geschichten nicht gelesen hat: Bibliomanten sind Bücherzauberer. Indem sie ein sogenanntes Seitenherz (genau genommen eine Papierseite) spalten, können sie Magie wirken. Das Buch als Mittel zum Zaubern, dass wünschen wir Leser uns doch alle irgendwie. Im Fall von Furia Faerfax aus „Die Seiten der Welt“ spricht das Buch sogar mit ihr. Geschichten erzählen wird da fast wörtlich genommen, auch wenn Furias Buch des Öfteren unqualifizierte Kommentare von sich gibt.

Im zweiten Teil der Vorgeschichte von „Die Seiten der Welt“ machen sich Mercy Amberdale und Furias Ahnin Fiona Faerfax mit einem Luftschiff auf in die Korridore des Fabulariums. Das Fabularium verbindet nicht nur Geschichten innerhalb der erzählten Welt, sondern ist eigentlich der Ort, an dem sich alle Geschichten von Kai Meyer miteinander verbinden. „In dem dritten Band von ‚Die Krone der Sterne’ wird ganz kurz ein Luftschiff auftauchen. Wer meine Bücher kennt, weiß dann, wo dieses Luftschiff herkommt.“ Aber auch, wenn das Fabularium irgendwann einmal als eine Art Kai Meyer-Verse funktionieren soll, werden deswegen die bisherigen Bücher nicht umgeschrieben und daran angepasst. Obwohl es tatsächlich Autoren gibt, die ihr Gesamtwerk nachträglich auf ein einziges Universum abstimmen. Hinzu kommt, dass der Autor zugibt, sich während der Entstehungsprozesse der Geschichten sehr intensiv mit dem entsprechenden Thema auseinanderzusetzen, nach einiger Zeit aber die Lust an einem Thema verliere. „Ich habe dann ein bestimmtes Zeitfenster, in dem ich das Buch beenden muss, weil ich ansonsten keine Lust mehr daran habe“, gesteht er ein. Manche Bücher könne er deshalb heute auch gar nicht mehr so schreiben, auch nachträgliche Bearbeitungen wären bei ihm eher selten „Wenn ich Bücher dann doch mal nachträglich bearbeite, dann kürze ich meistens und straffe die Handlung, weil ich das Gefühl habe, zu viel geschwafelt zu haben. Ein Buch ist dabei mal 40 Seiten kürzer geworden, allerdings ohne die Handlung zu verändern.“ Im Fall von „Die Spur der Bücher“ und „Der Pakt der Bücher“ habe er sich vor allem mit der Veränderung von London beschäftigt. Die Cecil Court, die Straße der Buchhändler, gibt es heute nicht mehr so, wie sie im Roman erwähnt wird. Ende des 19. Jahrhunderts wurden die, in der Geschichte erwähnten Giebelhäuser abgerissen und an ihrer Stelle neue Häuser im viktorianischen Stil gebaut. In „Der Pakt der Bücher“ schwebt diese Veränderung daher bereits ein wenig über der Straße.

Aber auch sonst plaudert Kai Meyer aus dem Nähkästchen. Dabei verrät er unter anderem, dass er die Zusammenarbeit mit guten Lektoren sehr schätzt, allerdings die Erfahrung gemacht hat, dass die meisten Lektoren entweder sprachlich oder inhaltlich an einen Text rangehen. Sprachlich und inhaltlich wäre nicht so häufig. Auch die Titel für die Bücher sind oftmals Ideen der Lektorin oder des Lektors. Auf die Frage, wie es denn mit einer Verfilmung seiner Werke aussähe, gibt es eine etwas zwiegespaltene Antwort. Von seiner Seite sei das Interesse durchausda, sagt er, allerdings hätten Film- und Fernsehredaktionen oft sehr eigene Vorstellungen von der Umsetzung des Stoffs, sodass sich bisher nicht ergeben hätte. Auch Spieleadaptionen, beispielsweise von „Die Seiten der Welt“ wären im Moment nicht geplant. In dem Zusammenhang erzählt er außerdem, dass er Rollenspiele früher sehr gerne gespielt hat und sogar bei den Anfängen von „Das schwarze Auge“ dabei war. „Mein Rollenspielklub hatte die Nummer 15, wir waren also wirklich einige der ersten“, lacht er. Mittlerweile sei er aber zu verwöhnt davon, selbst in die Geschichte eingreifen zu können, so dass er Rollenspiele, bei denen das nur bedingt möglich ist, nicht mehr richtig genießen könne.

Auch zum Thema Fantasy äußert er sich, wobei er findet, dass der Begriff „Fantasy“ stark mit Orks, Trollen und Zwergen aufgeladen sein. „Meine Bücher ordne ich selber eher in die  Fantastik ein. Trolle und Orks kommen bei mir ja eher weniger vor.“ Er lässt lieber fantastische Elemente in realitätsnahe Erzählwelten einbrechen. Dadurch sei deutlich mehr möglich, als wenn man „nur“ Romane in realitätsnahen Welten ansiedeln würde. „Der Herr der Ringe“ sei gleichzeitig sein Lieblings- und Nichtlieblingsbuch, sagt er und erklärt, dass er die Geschichte um Frodo Beutlin und die Gefährten mit elf Jahren das erste Mal gelesen habe und total fasziniert gewesen sei. „Allerdings habe ich bei meinen Recherchen mittlerweile gar keine Zeit mehr, um „Der Herr der Ringe“ zu lesen.“ Als weiteres Lieblingsbuch nennt er „Der Club Dumas“ von Arturo Pérez-Reverte. „Schaut euch nicht die Verfilmung an“, rät er, „die hat mit dem Buch nichts mehr zu tun.“ Mit dem Rat war die Lesung zwar beendet, aber natürlich hat Kai Meyer im Anschluss auch noch fleißig signiert.

Und ich habe die „Die Seiten der Welt“-Trilogie jetzt komplett signiert im Regal stehen.

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