„Ich will wahrhaftig über Menschen erzählen“ – Lesung von Nina George

Die Mondspielerin“, „Das Lavendelzimmer“, „Die Schönheit der Nacht“. Nina George hatte schon einige Bestseller. Vor allem „Das Lavendelzimmer“ war unter dem Titel „The Little Paris Bookshop“ im englischsprachigen Raum unglaublich erfolgreich. „Die Schönheit der Nacht“ ist übrigens eines der ersten Bücher (genau genommen das Zweite), dessen Rezension ich hier auf meinem Blog veröffentlicht habe.

Ich hatte die Gelegenheit Nina George bei einem Fast-Heimspiel im ostwestfälischen Lage zu erleben. Die Schriftstellerin gehört übrigens zu den Autoren, die genauso schön lesen wie sie schreiben. „Ich bin in Bielefeld geboren und in Oerlinghausen aufgewachsen, wenn ich das woanders erzähle, weiß immer niemand wo das ist“, lacht sie ganz zu Anfang, bevor sie davon erzählt, dass sie gerne Tango Argentina tanzt. Da darf nämlich auch die Frau führen. Und damit ist sie auch schon bei „Die Schönheit der Nacht“. Ganz davon abgesehen, dass es in der Geschichte um zwei Frauen geht, die beide auf ihre Art und Weise eigenständig sind, spielt auch Tango eine Rolle. Zunächst nimmt sie die Zuhörer aber mit nach Paris, dort wo die Geschichte ihren Anfang nimmt. Dort wo Claire ihren Mann betrügt, die beiden Protagonistinnen Claire und Julie aufeinandertreffen, und die Frage gestellt wird: Wie viele Frauen ist eine Frau? „Die Schönheit der Nacht“ stellt viele Fragen und sucht gleichzeitig nach den Antworten darauf.
Während Nina George liest, gibt sie ihren Figuren eigene Stimmen, imitiert deren Gesichtsausdrücke, spricht leise, euphorisch, mal mit erstickter Stimme, mal fast tonlos. Immer so, wie es die jeweilige Situation gerade erfordert.img_0621cut

Was habe ich Ihnen gerade zugemutet?“ fragt sie nach dem ersten Leseabschnitt rhetorisch und erklärt, dass der Anfang der Geschichte der achtzehnte Anfang ist, den sie dafür geschrieben hat.
Ich saß in meinem Haus in Trévignon und sah auf einen Strandabschnitt, der nur im Sommer da ist, da er im Herbst von der Flut fortgespült wird. Und jeden Sommer passierte an diesem Strandabschnitt das Gleiche. Die Mädchen setzten sich im farblich auf das Strandhandtuch abgestimmten Bikini und mit eingezogenem Bauch an den Strand, während die Jungen sich ins Wasser stürzten oder wild Ball spielten, nur damit die Mädchen mal guckten. Da hab ich mich gefragt: Warum fügt ihr euch in solche Geschlechterrollen? Warum werft ihr euch nicht auf das Leben?“
Das Spiel mit der Stimme trägt Nina George auch in ihr freies Erzählen. Während man ihr zuhört, kann man den Strandabschnitt und die Jugendlichen beinahe sehen. Rollen und die damit verbundenen Erwartungen sind ein wesentlicher Bestandteil in „Die Schönheit der Nacht“.
Jeder hat dieses eine geheime Zimmer in sich“, sagt die Autorin. „Das kann verschieden groß sein, meins ist ein Tanzsaal, und ganz verschiedene Dinge, Erfahrungen oder Gefühle beinhalten. Aber in diesem Zimmer ist man nur man selbst.“ Die Essenz der Persönlichkeiten, wenn man so will, ohne jede Rolle, die man in seinem alltäglichen Leben einnimmt. Die Anekdoten machen Nina George nahbar. Autorenbegegnung auf Augenhöhe sozusagen.img_0648cutNach einer Pause, in der sie fleißig signiert und Fotos macht, geht es dann in die Bretagne. Dahin, wo ein Großteil der Geschichte spielt. Zufall ist das nicht, schließlich lebt die Autorin selbst dort. In Trévignon lernt Julie schwimmen und man erfährt von der titelgebenden Schönheit der Nacht. Dass ein Buch den Autor bzw. die Autorin verändert, musste auch Nina George feststellen. Protagonistin Claire habe sie eines Tages angesehen und zu ihr gesagt, dass sie wie sie sei. Da sie sich aber nicht selber in ihr Buch schreiben wollte, hat sich die Schriftstellerin deshalb intensiv damit auseinandersetzen müssen, weshalb Claire ist wie sie. Das Stichwort in diesem Zusammenhang sei Angst gewesen. Mit ein Grund weshalb sich Claire in der Geschichte mit ihren Ängsten auseinandersetzen muss. Die Angst vor so vielem und die Überwindung dieser Ängste ist ein zentrales Thema im Roman. Ebenso wie Freiheit und Selbstverwirklichung. „Ich will wahrhaftig über Menschen schreiben“, sagt die Schriftstellerin und erzählt, dass dieser Wunsch in Sanary-sur-mer entstanden ist, als sie fünf ältere Frauen mitten am Tag angetrunken aus einem Lokal hat kommen sehen. Diese fünf Frauen hätten so viel Lebensfreude ausgestrahlt, dass sie erzählen wollte, wie Frauen werden, was sie sind. „Die Mondspielerin“ war geboren.

Zwischen den Leseabschnitten kommentiert Nina George immer wieder Passagen, erklärt warum manche Dinge so oder so passieren und erzählt auch immer wieder etwas von sich. Etwa dass sie die Schule abgebrochen und versucht hat Schauspielerin zu werden. Man könne ihr nicht mehr beibringen, heißt es, als man ihr nach einem Vorsprechen absagt. Von ihrem schauspielerischen Talent profitieren jetzt ihre Lesungen. Nach der Lesung wurde selbstverständlich noch weiter signiert und auch die eine oder andere Frage beantwortet. Schließlich liefert „Die Schönheit der Nacht“ mehr als genug Denkanstöße.

 

 

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