Lieber schreckliche Wahrheiten als freundliche Lügen

Leigh Bardugo – Das Gold der Krähen
Kaz, Inej, Nina, Matthias, Jesper und Wylan haben es geschafft. Sie sind nicht nur in das streng gesicherte Eistribunal eingebrochen, sondern haben auch noch ihren Auftrag dort erfüllt und sind lebend wieder entkommen. Viel Grund zur Freude haben sie aber trotzdem nicht, denn Inej ist bei ihrer Rückkehr nach Ketterdam gefangen genommen worden. Wie sich herausstellt, gehört die Geiselnahme zu einem Plan, um von den Krähen die Droge Jurda Parem zu erpressen. Kaz und seine Bande müssen mit allen Mitteln die Verbreitung des Jurda Parem verhindern. Andernfalls wären die Konsequenzen nicht nur für Grisha fatal.

Kaz Brekker ist einem nicht sympathisch, aber das muss er auch nicht sein. Es reicht völlig, dass er die Fäden in der Hand hält und die Geschicke der sechs Krähen lenkt. Das man sich als Leser trotzdem mit ihm abgibt, liegt daran, dass die Fieslinge einem noch weniger gefallen und das seine Freunde, im Gegensatz zu ihm, echte Sympathieträger sind. Dazu kommt eine spannende und dicht gestrickte Geschichte, die mit der einen oder anderen überraschenden Wendung aufzuwarten weiß. Allerdings wäre die Geschichte ohne Kaz nicht das, was sie ist. Er tut das, was nötig ist und getan werden muss, notfalls eben auch ohne Rücksicht auf Verluste. Das sorgt zwar nicht dafür, dass man ihn mag, macht ihn aber zu einem ehrlichen Charakter, der sich selbst treu bleibt und der dennoch unvorhergesehene Entscheidungen trifft. Bei all dem vergisst man leicht, dass die Charaktere zwischen sechzehn und achtzehn Jahren alt sind und trotzdem an Gerissenheit und Entschlossenheit mehr zu bieten haben, als mancher Erwachsene.

Im Laufe der Geschichte taucht man auch in die Vergangenheit der Krähen ein und erfährt etwas über deren Lebensläufe und wie sie dazu gekommen sind, sich Kaz anzuschließen. Wie schon im ersten Band wechselt auch bei „Das Gold der Krähen“ die Erzählperspektive von Kapitel zu Kapitel. Und genau wie im ersten Teil ist das erste Kapitel durch die Sichtweise eines weitgehend handlungsfremden Charakter gekennzeichnet, dessen Erlebnisse für den weiteren Verlauf der Ereignisse richtungsweisend sind. Durch die wechselnden Perspektiven erweckt Leigh Bardugo den Eindruck, einen umfassenden Überblick über die Handlung zu geben. Wie bei einem guten Taschenspielertrick wird aber immer nur so viel preisgegeben, wie nötig ist, um dem Leser das Gefühl zu geben, sich auf der richtigen Spur zu befinden. Die unvorhersehbare Handlung sorgt für Spannung. Der Charme der Erzählung liegt aber in den facettenreichen Charakteren begründet, die trotz ihres jungen Alters ihre Päckchen zu tragen haben. Richtige Helden sucht man in „Das Gold der Krähen“ vergebens. Dafür findet man Charaktere mit Fehlern, Ecken und Kanten, die ihre Stärke in der Gemeinschaft finden und die Geschichte lesenswert machen.

Leigh Bardugo: Das Gold der Krähen (Übersetzt von Michelle Gyo), 592 Seiten, Knaur, 2018
ISBN 978-3-426-65449-1
16,99 €

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Knaur Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!

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