Alle Kinder lernen lesen

Mittlerweile scheint das Lied von Wilhelm Topsch, das einige wahrscheinlich noch aus ihrer Grundschulzeit kennen, aber nicht mehr ganz zu stimmen. IGLU, die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung, die alle fünf Jahre durchgeführt wird, kommt in der 2016 durchgeführten Studie zu dem Ergebnis, dass „18,9 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Deutschland nicht die Kompetenzstufe III“1, also ein nicht ausreichendes Leistungsniveau im Lesen, erreichen. Weiter „ist davon auszugehen, dass sie mit erheblichen Schwierigkeiten beim Lernen in allen Fächern in der Sekundarstufe I konfrontiert sein werden.“

Lesen ist wichtig. Man muss wahrscheinlich auch lange suchen, bis man jemanden findet, der dieser Aussage widerspricht. Mittlerweile können aber 18,9 Prozent aller Viertklässler nicht gut genug lesen, um einen Text mit allen Einzelheiten erfassen zu können. Aus diesen Viertklässlern werden allerdings auch irgendwann Erwachsene, die in Ausbildung und Beruf erhebliche Schwierigkeiten bekommen werden, da sie nicht richtig lesen oder zumindest nicht gut genug lesen können, um Texte vollständig und richtig zu erfassen.

Als ich in die Schule kam, war es mein absolutes Highlight, endlich lesen zu lernen und als ich es dann konnte, war so ziemlich kein Buch mehr vor mir sicher. Da ich Bücher und das Lesen so sehr liebe, schon immer so geliebt habe, finde ich es unglaublich traurig, dass so viele Kinder nicht mehr richtig lesen lernen. Nicht nur, dass einem im Alltag einiges entgeht, auch die vielen fantastischen Welten, für die wir Lesebegeisterten Bücher so lieben, bleiben diesen fast 20 Prozent verwehrt. Dabei ist die Motivation zum Lesen durchaus vorhanden, wie das Bundesministerium für Bildung und Forschung, darlegt3. Die Studie zeigt aber auch, dass nur ein Drittel aller Schülerinnen und Schüler mit Leseschwächen Förderunterricht bekommt. Diese mangelnde Förderung von Schülerinnen und Schülern mit Schwächen beim Lesen führt zu der bildungspolitischen Folgerung, dass eine „gezielte Förderung von Schülerinnen und Schülern mit besonderen Schwierigkeiten im Lesen“ notwendig ist. Eher eine vermehrte, gezielte Förderung. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz und Ministerin für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg, Dr. Susanne Eisenmann bezeichnet das Lesen als eine „eine grundlegende Kulturtechnik“ und als den „Schlüssel zum Bildungserfolg“4. Womit sie recht hat. Wenn das Lesen aber so wichtig ist, warum hat man dann nicht schon viel eher mit der Leseförderung angefangen? Die Werte der Studien von 2011 und 2016 unterscheiden sich nicht signifikant, also nicht so, das erhebliche Unterschiede erkennbar sind5. Explizit gesagt wird es zwar nicht, aber die Vermutung liegt nahe, dass es daran liegt, dass Deutschland im internationalen Vergleich 2011 noch relativ gut dastand. Jetzt haben aber einige Länder aufgeholt und Deutschland liegt nur noch auf Platz 216. Wie schon damals beim PISA Test ist das nicht mehr akzeptabel, sodass jetzt Handlungen folgen.

In diesem Zusammenhang ist die Hamburger Erklärung entstanden. Unter dem Slogan „Jedes Kind muss lesen lernen!“ hat die Autorin Kirsten Boie eine Unterschriftenaktion gestartet, deren Unterzeichner sich für mehr Leseförderung aussprechen. Vor allem die Schulen sollen in die Pflicht genommen werden, da nur so alle Kinder auch wirklich erreicht werden können. Um die Förderung in den Schulen zu realisieren, müssen vor allem genug Lehrer eingestellt werden, da nur so kleine Klassengrößen mit intensiverer Lernbetreuung möglich sind. Aber auch neben dem Unterricht sollen Angebote wie Schulbibliotheken die Lust am Lesen und damit die Lesekompetenz fördern7. Am 20. September, dem Weltkindertag, soll die Petition an die Bildungsministerien der Länder, die Bundesbildungsministerin und die Kultusministerkonferenz übergeben werden. Es bleibt zu hoffen, dass bald etwas getan wird, denn ansonsten wird sich die Kampagne „Schreib dich nicht ab. Lern lesen und schreiben.“, die Ende der 90er den etwa vier Millionen Analphabeten Mut machen sollte, in einem Volkshochschulkurs lesen und schreiben zu lernen8, sicherlich wiederholen.

1Hußmann, Anke/Wendt, Heike u.a. 2017. IGLU 2016. Lesekompetenzen von Grundschulkindern in Deutschland im internationalen Vergleich. Münster: Waxmann. S. 14.

2Hußmann, Anke/Wendt, Heike u.a. 2017. IGLU 2016. Lesekompetenzen von Grundschulkindern in Deutschland im internationalen Vergleich. Münster: Waxmann. S. 14.

3Vgl. Pressemitteilung Bundesministerium für Bildung und Forschung, 2017. Stabile Ergebnisse bei zunehmenden Herausforderungen – Lesen muss gestärkt werden. (https://www.bmbf.de/de/stabile-ergebnisse-bei-zunehmenden-herausforderungen—lesen-muss-gestaerkt-werden-5232.html) (16.08.2018).

4Pressemitteilung Bundesministerium für Bildung und Forschung, 2017. Stabile Ergebnisse bei zunehmenden Herausforderungen – Lesen muss gestärkt werden. (https://www.bmbf.de/de/stabile-ergebnisse-bei-zunehmenden-herausforderungen—lesen-muss-gestaerkt-werden-5232.html) (16.08.2018).

5Vgl. Hußmann, Anke/Wendt, Heike u.a. 2017. IGLU 2016. Lesekompetenzen von Grundschulkindern in Deutschland im internationalen Vergleich. Münster: Waxmann. S. 10.

6Vgl. Hußmann, Anke/Wendt, Heike u.a. 2017. IGLU 2016. Lesekompetenzen von Grundschulkindern in Deutschland im internationalen Vergleich. Münster: Waxmann. S. 9-10.

7Vgl. Boie, Kirsten 2018. Jedes Kind muss lesen lernen! – Hamburger Erklärung. (https://www.change.org/p/jedes-kind-muss-lesen-lernen?recruiter=893791820&utm_source=share_petition&utm_medium=email&utm_campaign=undefined) (16.08.2018).

8Vgl. Gieskes, Hanna 1999. „Schreib dich nicht ab. Lern lesen und schreiben.“. Die Welt. (https://www.welt.de/print-welt/article568429/Schreib-dich-nicht-ab-Lern-lesen-und-schreiben.html) (16.08.2018)

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