Der Weltraum, unendliche Weiten …

„A philosopher once said ‚Are we human because we gaze at the stars, or do we gaze at them because we are human? Pointless, really. Do the stars gaze back? Now, that’s a question.“1

Den Weltraum finde ich unglaublich faszinierend. Nicht nur wegen der unendlichen Weite, die sowieso nur schwer vorstellbar ist. Sterne, Kometen, Planeten, rote und braune Zwerge, schwarze Löcher, das Sonnensystem, … Das All ist voller faszinierender und manchmal auch ziemlich furchteinflößender Dinge. Als Astro_Alex Alexander Gerst während der Fußballweltmeisterschaft 2014 das erste Mal auf der ISS war und fleißig aus dem All getwittert hat, habe ich angefangen, mich ein bisschen näher mit der ISS und den Missionen dorthin zu beschäftigen. Praktischerweise kam im selben Jahr The Martian von Andy Weir raus und ich konnte Weltraum und Lesen wunderbar miteinander verbinden. Mittlerweile habe ich mich nicht nur mit dem Weltraum selbst beschäftigt, sondern auch einiges an Büchern gelesen, die dort spielen, wobei es ja nicht immer unser Sonnensystem sein muss, in dem die Handlung stattfindet.

Per Anhalter durch die Galaxis, 3001: Die letzte Odyssee, Der Marsianer, sie alle haben eins gemeinsam: Sie lassen sich dem Genre der Science Fiction zuordnen. Aber wie viel Fiction verträgt die Science?

Geht man abseits der Literatur, dann finden sich in Film und Fernsehen schnell zwei sehr bekannte Beispiele für Science Fiction. Star Wars und Doctor Who. Thematisch völlig unterschiedlich und doch dem selben Genre zugehörig. Während der Doctor durch Raum und Zeit reist und sein Heimatplanet Gallifrey nun definitiv nicht in unserem Sonnensystem kreist, sind seine Gefährten bzw. Mitreisenden meistens von der Erde. Und zwar von der Erde wie der Zuschauer sie kennt. Dementsprechend ist die Erwartungshaltung des Zuschauers an die geltenden Naturgesetze.
Ganz anders bei Star Wars, dessen Episoden „vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxie“2 stattfinden. Hier ist es irrelevant, dass der Weltraum so gut wie geräuschlos ist. Schall kann sich im Weltall nicht ausbreiten, weil hier so gut wie keine Luft vorhanden ist, die den Schall transportieren könnte3. Aber dies gilt eben nur für den Weltraum unseres Sonnensystems. Niemand weiß, ob es nicht tatsächlich irgendwo eine Galaxie gibt, in der man das „pew-pew“ einer Waffe tatsächlich hören könnte.

Science Fiction lässt sich folglich nicht so leicht definieren. Die beiden obigen Beispiele lassen sich bereits in zwei Kategorien einordnen. Unter Hard Science Fiction versteht man Science-Fiction, die vorwiegend auf naturwissenschaftlichen Erkenntnissen beruht und/oder eine Fortschreibung dieser ist4. Von den bisher genannten Werken lassen sich hier Doctor Who und Andy Weirs Der Marsianer einordnen. Demgegenüber steht die Soft Science Fiction. Hier liegen die ‚weicheren‘ bzw. Geisteswissenschaften, wie Psychologie, Soziologie oder auch Politologie zugrunde. Das heißt jedoch nicht, dass hier nicht auch naturwissenschaftliche und physikalische Gesetze gelten können, meist liegt der Fokus allerdings auf Charakteren, deren Beziehungen zueinander oder auch deren Rolle im Verlauf einer Geschichte5.

Jetzt sind bereits zwei Kategorien der Science Fiction erläutert worden, eine, zumindest ungefähre, Definition für Science Fiction fehlt allerdings noch. Vereinfacht lasst sich dabei festhalten, dass der Genrebegriff selbst bereits einen gewissen Grad an Definition liefert. Science Fiction = Wissenschaftsfiktion. Der britische Science Fiction Kritiker Paul Kincaid definiert das Genre folgendermaßen:

„Science Fiction ist nicht eine bestimmte Sache, sie ist eine Vielzahl von Sachen – ein zukünftiger Schauplatz, eine wunderbare Erfindung, eine ideale Gesellschaft, eine außerirdische Kreatur, eine Windung in der Zeit, eine interstellare Reise, eine satirische Perspektive, eine spezifische Herangehensweise an die Substanz einer Geschichte; all das wonach wir suchen, wenn wir nach Science Fiction Ausschau halten, mal deutlicher, mal subtiler – zusammengewoben in einer unendlichen Vielfalt von Variationen.“6

In gewisser Weise beinhaltet Science Fiction also immer Zukunftsliteratur und findet in einer Art Gegenwelt statt, die sich in verschiedenen Aspekten von der Normwirklichkeit unterscheidet. Genau an dieser Stelle greifen zwei weitere Kategorien, mit denen Science Fiction nicht zu verwechseln ist. Zum einen ist das die Utopie, der Entwurf einer idealen Welt und Gesellschaft7, zum anderen die Dystopie, auch Antiutopie oder Mätopie, in der eine negative Gesellschaftsversion dargestellt wird8. Anders als in Utopie und Dystopie wird der Entwurf der Gegenwelt in der Science Fiction seltener problematisiert. Auch die Ursprünge der entworfenen Welt bleiben häufig unerzählt.

Science Fiction ist dabei aber keineswegs ein neuartiges Phänomen. Die Anfänge der Science Fiction liegen vielmehr in den Werken von Jules Verne (1828-1905) und H.G.Wells (1866-1946). Als weniger bekannte Mitbegründer des Genres sind zudem Kurd Laßwitz (1848-1910) und Hugo Gernsback (1884-1967) zu nennen. Jules Vernes erster Roman Fünf Wochen im Ballon erschien bereits 1863 und enthält sowohl fiktive als auch fundierte wissenschaftliche Elemente. Von der Erde zum Mond erschien zehn Jahre später und gilt als eines der ersten Werke des damals noch jungen (und noch nicht so benannten) Genres. H.G. Wells Krieg der Welten erschien nahe der Jahrhundertwende 1898. Es sollte noch vierzig Jahre dauern bis Orson Welles das Buch als Hörspiel so authentisch vertonte, das die Zuhörer es für eine wahre Reportage hielten. Abgesehen von der realitätsnahen Vertonung, hielten die Zuhörer die Geschichte aber offensichtlich auch für wissenschaftlich möglich, denn sonst hätten sie wahrscheinlich nicht gedacht, dass es sich um eine Reportage handeln könnte.

Die Faszination für die Zukunft und die Wissenschaft gibt es aber schon länger. So sind die Alchemie in Christopher Marlowes The Tragical History of Doctor Faustus (zwischen 1588 und 1593) und der Automatenmensch in E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann (1816) Elemente einer Wissenschaftsfiktion. Und auch Steampunk, die Vorstellung einer zukünftigen Welt vom Standpunkt des endenden 19. Jahrhunderts aus, ist in gewisser Weise der Science Fiction zuzuordnen

In der modernen Science Fiction ist man mittlerweile zu dem Schluss gekommen, keine Wissenschaftlichkeit mehr für die Science Fiction selbst zu verlangen, sondern fordert vielmehr, dass Science Fiction die Wissenschaftlichkeit für sich beansprucht. Dabei geht es weniger um die Nachvollziehbarkeit der verwendeten wissenschaftlichen Elemente, als um die Abgrenzung und Stellung der Science Fiction zur Normwirklichkeit.9

Eines haben aber alle Ausprägungen der Science Fiction gemeinsam: Es geht immer um die Vorstellung, was naturwissenschaftlich vielleicht möglich sein könnte und wie Gesellschaften aussehen könnten, die in einem Umfeld mit anderen physikalischen Eigenschaften und Naturgesetzen leben.

1Gaiman, Neil 1999. Stardust. London: Headline Book Publishing.

2Star Wars: Episode IV

3Vgl. Benningfield, Damond 2001. Stille im Weltraum. Deutschlandfunk (http://www.deutschlandfunk.de/stille-im-weltraum.732.de.html?dram:article_id=104191; 26.07.2018).

4Vgl. Mann, George 2001. Stichwort: Hard SF. The Mammoth Encyclopedia of Science Fiction. London: Robinson.

5Vgl. Mann, George 2001. Stichwort: Soft SF. The Mammoth Encyclopedia of Science Fiction. London: Robinson.

6Kincaid, Paul 2003. On the Origins of Genre. In: Extrapolation Vol. 44 No. 4. S. 416ff. Zitiert in: Rieder, John 2016. Zur Definition von SF oder auch nicht. Genretheorie, Science Fiction und Geschichte. In: Riffel, Hannes [Hrsg.] 2016. Das Science Fiction Jahr 2016. Golkonda Verlag: Berlin.

7Vgl. Burdorf, Dieter/Fasbender, Christoph/Moennighoff, Burkhard (Hrsg.) 2007. Stichwort: Utopie. Metzler Lexikon Literatur: Begriffe und Definitionen. Verlag J.B. Metzler: Stuttgart, Weimar, 3. Auflage.

8Vgl. Burdorf, Dieter/Fasbender, Christoph/Moennighoff, Burkhard (Hrsg.) 2007. Stichwort: Mätopie. Metzler Lexikon Literatur: Begriffe und Definitionen. Verlag J.B. Metzler: Stuttgart, Weimar, 3. Auflage.

9Vgl. Simon Spiegel: Der Begriff der Verfremdung in der Science-Fiction-Theorie. Ein Klärungsversuch. In: Rottensteiner, Franz et al 2006. Quarber Merkur. Franz Rottensteiners Literaturzeitschrift für Science-Fiction und Phantastik. Nr. 103/104, S. 13–40. Verlag Lindenstruth: Gießen.

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