Vergiss den Prinzen, ich nehme das Pferd

Ich habe meinen Bachelor in Politikwissenschaft gemacht. Und, man ahnt es bereits, wenn man Politikwissenschaft studiert, kommt man nicht drum hin, sich mit Genderfragen und Geschlechterrollen auseinanderzusetzen. Vor einiger Zeit bin ich auf eine Leseprobe gestoßen, die mich (mal wieder) dazu gebracht hat, über Geschlechterverhältnisse in der Literatur nachzudenken. Ich werde weder Titel, noch Autor der Geschichte erwähnen. Nur so viel: Ein Mädchen aus einer westlich orientierten, modernen Gesellschaft soll zwangsverheiratet werden, dazu kommen zahlreiche Klischees, von denen einige zusätzlich auch noch ziemlich sexistisch sind. Vielleicht hätte ich das Buch ganz lesen sollen, vielleicht ist mein erster Eindruck auch falsch gewesen und ich habe der Geschichte letztendlich unrecht getan. Fakt ist allerdings, dass ich mich nach der Leseprobe gefragt habe: Was soll das?

Hinzu kommt ein Cover, das den Eindruck der unbedarften, aber begüterten und perfekten Prinzessin noch verstärkt. Wie so oft mittlerweile. Junge Frauen in einem Kleid wie für den Abschlussball. Perfekte Figur, perfekte Frisur, perfektes Make-up, perfekter Auftritt. Dazu in einer Pose, die entweder schüchtern und verletzlich wirkt oder sexy und verführerisch. Da nur die wenigsten aufwendige Roben im Alltag tragen, entzieht diese Darstellung die Geschichte dem alltäglichen Leben. Sicher, das Cover soll auch gerade dazu einen Kontrast bilden und dazu einladen in eine Welt aus Prinzessinnen, Prinzen und Schlössern einzutauchen. Aber muss ein Cover deswegen so aussehen, als wäre es bei einem Topmodelshooting entstanden? Die wenigsten Leserinnen werden der Idealbild-Coverprinzessin entsprechen. Allerdings ist es auch nicht notwendig, wie ein Model auszusehen, um eine Prinzessin sein zu können. Märchen wie Aschenputtel1 und Alleirauh2 vermitteln ein anderes Bild. Die Prinzessin kennzeichnet sich hier vorrangig durch positive Eigenschaften wie Fleiß, Sympathie, Güte und Intelligenz.

Als Kind habe ich Pixi Bücher ziemlich geliebt. Eine bestimmte Geschichte aus den Büchern ist mir in diesem Zusammenhang wieder eingefallen. In Der Drache mit der Pudelmütze geht es um besagten Drachen, der in ein Alter gekommen ist, indem ein richtiger Drache nun einmal eine Prinzessin rauben muss. Seine Wahl fällt auf Prinzessin Maxi, die so gar nicht dem typischen Bild einer Prinzessin entspricht. Maxi trägt Latzhose statt Kleid und repariert Zäune, beschlägt Pferde, backt Pfannkuchen und strickt dem Drachen letztendlich auch seine Pudelmütze. Letztendlich wird es dem Drachen mit der abenteuerlustigen Prinzessin zu anstrengend und er bringt sie zurück nach Hause3. Damals, und eigentlich auch noch heute, fand ich die Geschichte toll. Prinzessin Maxi war anders als die Prinzessinnen aus den bekannten Geschichten. Keine Prinzessin, die in ihrem rosa Burgfräuleinkleid den ganzen Tag an ihrem Turmfenster hockte und darauf wartete, dass ein Prinz auf seinem weißen Ross angaloppiert kam und ihrer Langeweile ein Ende setzte. Ich habe nichts gegen Prinzessinnen und Prinzen. Ganz im Gegenteil. Die Grimm’schen Märchen habe ich immer sehr gemocht und mag sie auch heute noch. Auch wenn die Prinzessinnen dort oftmals von eben jenen Prinzen gerettet werden.

Allerdings ist bei einer Geschichte auch der Kontext wichtig. Als Jacob und Wilhelm Grimm ihre gesammelten Märchen aufschrieben, war die Rolle der Frau in der Gesellschaft nun einmal vorwiegend die einer Hausfrau und Mutter, oder zumindest war das die gängige Erwartungshaltung. Idealerweise ist die weibliche Protagonistin im Märchen außerdem fleißig (Frau Holle: Goldmarie), tugendhaft (Die Gänsemagd: Königstochter), sparsam (Gegenentwurf in Vom Fischer und seiner Frau: Fischersfrau) und gehorsam (Rumpelstilzchen: Müllerstochter). Intelligenz ist eher weniger relevant, kluges Verhalten führt aber zu einem guten Ende (Die kluge Bauerntochter: Bauerntochter, Hänsel und Gretel: Gretel). Eine zweckmäßige Ehe ist im Märchen nichts Ungewöhnliches. Die Prinzessinnen und Frauenfiguren in den Märchen haben meistens Glück, da die Prinzen vorwiegend als nette Männer beschrieben werden. Von Blaubart4, Drosselbart5 und dem Räuberbräutigam6 mal ganz abgesehen. Allerdings ist es in den Märchen selten, dass die männlichen Charaktere Hilfe benötigen. Ausnahmen bilden hier z.B. Der Prinz im Bärenfell, Hänsel und Gretel und Von einem, der auszog das Fürchten zu lernen.

Umgekehrt wäre es aber unpassend, wenn Wonder Woman oder eine der Amazonen von einem Mann gerettet werden müsste. Wenn die Amazonen dagegen einem Mann helfen müssen, verwundert das im Kontext überhaupt nicht. Der Film Wonder Woman (2017) hält meistens die Balance zwischen Verletzlichkeit und Eigenständigkeit der Charaktere. So muss Pilot Steve Trevor zwar von Wonder Woman zu Beginn des Films gerettet werden, andersherum braucht sie ihn aber auch, damit er ihr hilft, sich in seiner Welt zurechtzufinden. In Bezug auf das Geschlechterverhältnis stechen zwei Szenen hervor. Zum einen die Szene, in der Diana/Wonder Woman Kleider bekommt, mit denen sie in Großbritannien im Jahr 1917 nicht auffällt, und völlig entsetzt fragt, wie man den in diesen Kleidern kämpfen können soll. Zum anderen eine Szene, in der Charlie, einer der Soldaten, der mit ihr reist, von ihrer Selbstständigkeit so beeindruckt ist, dass er sie fragt, ob sie nicht ohne ihn besser zurechtkäme. Woraufhin sie ihn fragt, wer denn dann für sie alle singen sollte7. Sicher käme sie ohne die Männer an ihrer Seite auch hervorragend allein zurecht, aber das möchte sie gar nicht, da sie auf die Stärke der Gruppe setzt. Das Gleichgewicht zwischen Eigenständigkeit und der freiwilligen Abgabe von Verantwortung hält sich im Film meistens in der Waage.

In einer modernen Welt sollten Zwangsheirat und Unterdrückung der Frau eigentlich nicht einmal in der Literatur mehr eine Rolle spielen. Genauso, wie nicht alle Männer Helden sein müssen und sollen. Das gilt vor allem für Romane, die in unserer modernen Welt spielen oder in einer Welt, die unserer modernen Welt gleicht. Bei Historischen und Fantasyromanen sieht das schon wieder etwas anders aus. Ebenso bei Romanen, die in einer möglichen oder fiktiven Zukunft spielen. Einem Roman, der zeitlich bspw. im Mittelalter verortet ist, nimmt es niemand ab, wenn die weibliche Protagonistin emanzipiert daherkommt und auf die Männerwelt pfeift. Und wenn sie es doch tut, dann hat das innerhalb der Handlung des Romans meistens bestimmte Konsequenzen oder bedarf zumindest einer logischen und nachvollziehbaren Erklärung. Männer, die Gewalt ablehnen und z. B. nicht im Heer ihres Königs kämpfen möchten, müssen innerhalb der Handlung aber auch logisch erklärt werden. Ähnliches gilt für Romane, die in der Zukunft oder vielmehr einer Zukunft spielen. Da niemand weiß, wie es in der Zukunft aussieht, können hier völlig andere Gesellschaftsmodelle gelten.

Bei Fantasyromanen ist die Sache etwas komplizierter. Generell lässt sich aber festhalten, dass die Geschlechterverhältnisse und Geschlechterrollen nachvollziehbar in die erzählte Welt passen müssen. Geschichten, die in einer mittelalterähnlichen Welt spielen, wie etwa Das Lied von Eis und Feuer oder Herr der Ringe können sich eher glaubwürdig auf die Geschlechterordnung des Mittelalters beziehen, als eine Geschichte, die in einer fiktiven Zukunft spielt wie zum Beispiel Die Tribute von Panem, Die 100, Ready Player One oder Mortal Engines. Genauso kann die erzählte Geschichte aber auch zum Anlass genommen werden, die Geschlechterrollen umzukehren. In Der Herr der Ringe ist es Eowyn, die nicht auf ihren Bruder hört, in die Schlacht zieht und den Hexenkönig besiegt, während ihr Onkel, König Theoden, die Schlacht nicht überlebt8. Auch Das Lied von Eis und Feuer hat einige starke Frauenfiguren, sowie Frauen in Machtpositionen. Ebenso gibt es Frauen, die scheitern und Frauen, die dazwischen stehen. Auch auf der Seite der männlichen Charaktere gibt es Gewinner und Verlierer und solche, die sowohl Erfolge als auch Niederlagen erleben. Obwohl die Handlung in einer Welt spielt, deren Strukturen eine patriarchale Gesellschaft legitimieren würden, finden sich hier viele Charaktere, die ein modernes Verhalten zeigen9.

Unabhängig von der erzählten Welt, sollten die Charaktere selbst, sowie ihre Verhältnisse mit- und untereinander aber immer in einem logischen Zusammenhang stehen, ganz gleich, ob sie männlich oder weiblich sind, oder welches Verhältnis sie zueinander haben. Das Verhalten der Figuren muss sich sowohl aus ihrem Charakter als auch aus der erzählten Welt heraus ergeben. Inkonsistenzen fallen meistens als Handlungslücken bzw. -fehler sofort auf und wirken negativ auf die gesamte Erzählung. So auch bei der zu Anfang erwähnten Leseprobe. Eine Kombination aus fortschrittlicher, moderner Welt und einer aufgeklärten, aber dennoch rückständigen Gesellschaft ergibt ein eher inkonsistentes Bild und sorgt außerdem dafür, dass die Charaktere teilweise unlogisch handeln und sehr oberflächliche Sichtweisen vertreten.

Dass es auch anders geht, zeigt ein Roman von Holly Bourne. Spinster Girls – Was ist schon normal? und wahrscheinlich auch der Folgeband Spinster Girls – Was ist schon typisch Mädchen? beschäftigen sich mit drei jungen Frauen, die Geschlechterstereotype und alltägliche, geschlechtsspezifische Verhaltensmuster hinterfragen. Eine Geschichte, in der vieles infrage gestellt und einiges deutlich wird, und die nicht gelesen werden kann, ohne auch selbst über ein paar Dinge nachzudenken10.

Wichtig ist, dass gerade in der Kinder- und Jugendliteratur deutlich wird, warum bestimmte Geschlechterrollen verwendet werden und warum diese in diesem (und möglicherweise auch nur diesem) Kontext funktionieren. Dabei braucht eine Geschichte dafür keine langen Erklärungen oder Belehrungen, da sich in einem funktionieren Kontext, das Verhalten der Charaktere eigentlich von selbst erklärt. Lesern, unabhängig davon ob Kinder und Jugendliche oder Erwachsene, vorzugaukeln, dass Helden rein männlich sind und die zu rettenden Charaktere rein weiblich, ist vor allem eines: Ein Märchen.

1Vgl. Grimm, Jacob/Grimm Wilhelm 1812. Aschenputtel. In: Kinder- und Hausmärchen. Band 1. Berlin: Realschulbuchhandlung. S. 88-101.

2Vgl. Grimm, Jacob/Grimm Wilhelm 1812. Alleirauh. In: Kinder- und Hausmärchen. Band. Berlin: Realschulbuchhandlung. S. 308-316.

3Vgl. Feustel, Günther 1995. Der Drache mit der Pudelmütze. Pixi Buch Nr. 789. Hamburg: Carlsen Verlag.

4Vgl. Grimm, Jacob/Grimm Wilhelm 1812. Blaubart. In: Kinder- und Hausmärchen. Band 1. Berlin: Realschulbuchhandlung. S. 285-289.

5Vgl. Grimm, Jacob/Grimm Wilhelm 1812. König Drosselbart. In: Kinder- und Hausmärchen Band 1. Berlin: Realschulbuchhandlung. S. 233-238.

6Vgl. Grimm, Jacob/Grimm Wilhelm 1812. Der Räuberbräutigam. In: Kinder- und Hausmärchen Band 1. Berlin: Realschulbuchhandlung. S. 184-187.

7Vgl. Jenkins, Patty 2017. Wonder Woman. Warner Bros.

8Vgl. Tolkien, J.R.R. 2001. Der Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs. Stuttgart: Klett-Cotta.

9Vgl. z.B. Martin, George R. R. 1997. Die Herren von Winterfell. München: Goldmann Verlag.

10Vgl. Bourne, Holly 2018. Spinster Girls – Was ist schon normal?. München: dtv Verlag.

 

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